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Trans* und Stimme

Stimme:
Rein mechanisch wird die Stimme durch das Zusammenwirken der Stimmlippen im Kehlkopf und den Ansatzräumen erzeugt. Im Kehlkopf sind die beiden Stimmlippen gespannt. Die engste Stelle im Kehlkopf bezeichnet man als Stimmritze (Glottis). Sie wird zum Atmen durch Abduktion der entspannten Stimmlippen weit geöffnet, damit die Luft ungehindert ein- und ausströmen kann. Die aus der Lunge strömende Luft versetzt die Stimmlippen in Schwingungen, um einen Ton zu erzeugen. Sind die Stimmlippen entspannt, schwingen sie langsamer und der Grundton des Klanges wird tiefer. Bei höherer Spannung wird der Ton durch schnellere Schwingung höher.

Als Ansatzräume oder Vokaltrakt bezeichnet man die Räume, zu denen Rachen, Mund- und Nasenraum gehören. Dort wird dann auch der primäre Kehlkopfklang verändert. Aus der unterschiedlichen Größe des Kehlkopfes und der damit verbundenen Länge der Stimmbänder resultieren die verschiedenen und individuellen Tonhöhen des Grundtons. Bei der männlichen Stimme liegt der Grundton bei etwa 125 Hz, bei der weiblichen bei etwa 250 Hz und bei kleinen Kindern etwa bei 440 Hz. Der Stimmumfang beträgt ca. 1,3–2,5 Oktaven, wobei mit Training auch 3 und mehr möglich sind. Der Frequenzbereich der menschlichen Stimme mit den Obertönen beträgt etwa 80 Hz bis 12 kHz.

Die Stimmlippen werden während des Stimmbruchs dicker und länger. Dabei sinkt die mittlere Sprechstimmlage bei Jungen um eine Oktave (8 Töne), bei Mädchen um eine Terz (3-4 Halbtöne).

Variationen:
„Die Stimme eines Menschen ist sein zweites Gesicht“. Was macht die Stimme aus? Unsere Stimme verändert sich ständig je nach Gemütszustand. Sie kann bedrohlich wirken oder sanft sein. Wir können schreien und flüstern. Unsere Stimme kann unser Sexualleben offenbaren. Sie kann unsere Körpergröße und unsere körperliche Kraft verraten. Wir flirten mit der Stimme.

Die Sprache und auch die Körpersprache von Frauen ist häufig blumiger, visueller und emotionaler. Obwohl diese Aspekte auch den Männern natürlich nicht abzusprechen sind, gibt es dennoch eine deutliche Tendenz. Außerdem sprechen Frauen viele Wörter weicher aus als Männer. Männer betonen durch Lautstärke und Frauen durch Tonhöhe.

Problem:
Wer in einem männlichen Körper zur Welt kommt, in Wahrheit jedoch eine Frau ist, erlebt in seinem Leben zahlreiche Stolpersteine. Einer davon ist die eigene Stimme. Komplett verändern lässt sich die Stimme nicht, aber durch logopädisches Training und einige Übungen kann das ein oder andere erreicht werden. Vor allem für Transfrauen, also Frauen, die in einem männlichen Körper auf die Welt kamen, ist die Stimme oft ein Problem.

Transmänner, also Männer, die in einem weiblichen Körper zur Welt kamen, haben es da i.d.R. wesentlich leichter. Sie warten einfach auf die Wirkung der Hormone, in diesem Fall Testosteron. Größtenteils beginnt der Stimmbruch nach 3-6 Monaten und die Stimme wird tiefer. Je nachdem, wie tief die Stimme wird, bedarf es manchmal keiner weiteren Handlung. Manchmal jedoch muss auch hier die Sprechart umgelernt werden, da die Stimme nicht immer automatisch in den gewünschten Bereich sinkt. Wie sehr sich die Stimme verändert hängt dabei von Alter, Anatomie und Genetik ab.

Logopädie:
In der Ausbildung zur Logopädin/zum Logopäden wird das Thema Trans* nur in einer kleinen Randnotiz erwähnt. Praktisch erfährt man kaum etwas darüber. Dadurch sind viele Logopäden verunsichert. Diese Form der Therapie stellt aber eine große Bereicherung für das Berufsfeld dar. Einige bieten für Transfrauen sehr effektive Möglichkeiten an, die Stimme weiblicher zu gestalten. Da Logopäden den Stimmapparat und Möglichkeiten des Trainings bestens kennen, ist ein begleitetes Stimmtraining durch einen Logopäden mit Sicherheit eine sehr effektive Methode, die Stimme weiblicher zu gestalten. Einfach ist dies nicht und es bedarf viel Übung.

Mittels diverser Entspannungsübungen wird ein Verkrampfen der Stimmmuskulatur vermindert bzw. vermieden. Sollten bei den Stimmübungen die Zungenbein- und Kehlkopfmuskulatur zu sehr beansprucht oder überbelastet werden, kann es durchaus zu Stimmstörungen kommen, die je nach Belastung chronische oder dauerhafte Probleme mit dem Stimmapparat zur Folge haben.

Aber die Stimme macht es nicht alleine. Die Stimme darf auch gar nicht übermäßig erhöht werden, denn das würde die Stimmbänder überstrapazieren und es käme zu dauerhaften Entzündungen. Körpersprache und Mimik sollten stimmig sein, doch auch eine weiblichere Wortwahl und Sprechstil verbessert das Gesamtbild. Stimmhöhe und Stimmklang sind natürlich unterschiedlich, aber auch die Grammatik, also Satzstrukturen und Wortstellungen.

Man darf nicht glauben, dass eine Männerstimme zu einer Frauenstimme wird, aber es kann daran gearbeitet werden, dass die Patientin als Frau wahrgenommen wird.

Übung:
Die bessere und auch richtigere Atmung geht in den Bauch. Männer atmen durch den Brustkorb, Frauen durch den Bauch. Beim Einatmen eine Hand auf den Bauch legen um deutlich zu spüren, wie sich der Bauch nach Außen dehnt und “dicker” wird. Beim Ausatmen wird der Bauch dann wieder “dünner”. Bei dieser Atmung sollten sich weder Brustkorb noch Schultern bewegen. Nach einigen Atmungsübungen kann mit Summen begonnen werden. Dabei die Stimme anheben, aber nicht strapazieren. Das Summen langsam ein- und ausblenden.

Später dann mit kurzen Lauten wie „ma“, „mo“, „me“, „mi“, „mu“, „mei“, „mau“ usw. fortfahren. Nach diesen Übungen kann man steigern und z.B. die Begriffe verdoppeln, also mehrere Silben aneinander koppeln: „ma-ma-ma“, „mo-mo-mo“ usw. Hierbei immer auf das weiche Ein- und Ausblenden der Stimme sowie auf die Bauchatmung achten. Nach einigen Übungsstunden folgen ganze Worte und Sätze. Zudem werden verschiedene Alltagssituationen gespielt, wie z.B. beim Telefonieren, Gespräche im Kollegenkreis, Bestellung im Restaurant, rufen, schreien, flüstern usw. Die Betonung lernt man am besten beim Vorlesen von Texten.

Stimmband – Operation:
Es gibt die Möglichkeit eines operativen Eingriffs, bei dem die Stimmbänder verkürzt werden oder der Kehlkopf abgeschliffen wird, aber auch da gibt es keine Erfolgsgarantie. Nach der Operation müssen die Stimmbänder geschont werden, so dass auf lautes Sprechen ca. bis zu 6 Monaten verzichtet werden muss. Außerdem bleibt eine Narbe am Hals.

Kosten:
Nach einer eingehenden Untersuchung durch den HNO kann man sich mit einer Heilmittelverordnung die logopädische Praxis seines Vertrauens aussuchen. Die Kosten werden bei transidenten Personen in der Regel von der Krankenkasse übernommen.

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