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Transidentität – Zwei Kolleginnen im Interview

Auch im Arbeitsalltag hält das Thema Transidentität immer deutlicher Einzug. Immer mehr Firmen bekennen sich offen zu Diversity & Inclusion. Ein positives Beispiel dafür ist die Firma Sodexo, die mittlerweile sogar schon 2 transidente Mitarbeiterinnen hat und die den Internationalen Tag gegen Homophobie (17.05.) zum Anlaß genommen hat, Ihre Mitarbeiterinnen zu Ihrer Transidentität zu interviewen.

Danke an die Projektmanagerin für interne Kommunikation der Firma Sodexo für die Freigabe des Interviews, welches in der aktuellen Ausgabe der Sodexo-Mitarbeiterzeitung DACH-Blick erschienen ist!

 

Wenn die eigene geschlechtliche Identität nicht mit dem biologischen Geschlecht übereinstimmt, ist das für transidente Menschen schon ab der Kindheit, spätestens in der Jugend mit viel Leid verbunden. Im „falschen Körper“ leben zu müssen, nimmt die Chance auf ein vollkommen glückliches Leben. Zwei unserer Kolleginnen wissen genau, wie sich das anfühlt: Sie wurden als Männer geboren und leben heute als Frauen.

Diese beiden sympathischen und starken Persönlichkeiten haben uns in Interviews zum Internationalen Tag gegen Homophobie und Transphobie offen und ehrlich auf unsere Fragen geantwortet.

Die Fragen und Antworten von Angelika R.:

Wie geht Sodexo aus Ihrer Sicht mit dem Thema Transidentität um?

Ich hatte keine Probleme. Angriffsfläche gibt es nicht, wenn man selbstsicher ist. Die Kunden sind und waren auch immer verständnisvoll.

Wie ist Ihr Vorgesetzter damit umgegangen als er von der Geschlechtsanpassung erfuhr?

Ich hatte meinen damaligen Vorgesetzten vor der Übernahme meiner Firma kennengelernt. Ich war damals in der Phase vor meiner Geschlechtsanpassung. Ich war von Beginn an ehrlich und informierte ihn über die anstehende OP, die bis zu einem halben Jahr Krankenstand hätte bedeuten können. Zum Glück wurden es nur drei Monate.

Gab es Schwierigkeiten für Sie in der Arbeitswelt bei Sodexo vor und nach Ihrer Geschlechtsanpassung?

Nein, Schwierigkeiten gab es nicht. Natürlich wundern sich viele über meine tiefe Stimme und es gab auch schon jemanden, der sich am Telefon veräppelt gefühlt hat, weil ich sagte, dass er mit Frau R.  spricht. Er war partout der Meinung, er spräche mit einem Mann. Gut, ich kann es ja verstehen. Meine Stimme ist nun mal tief.

Hatten Sie bei Sodexo ein besonders positives oder negatives Erlebnis im Zusammenhang mit Ihrer  Transidentität?

Ja. Woran ich mich sehr positiv erinnere war ein Betriebsleitertreffen in Erfurt. Damals hat meine OP noch nicht stattgefunden, und meine Papiere waren noch alle auf meinen männlichen Namen ausgestellt. Als ein Kollege sah, dass mein männlicher Name auf dem Namensschild stand, hat er gleich eine neue mit meinem weiblichen Namen handschriftlich geschrieben. Das war für mich ein Zeichen der besonderen Wertschätzung.

Gibt es etwas, das Sie allen Kollegen dazu gerne sagen würden?

Wichtig ist, dass man den Menschen an sich sieht. Ich bin ein ganz normaler Mensch. Ich bin keine biologische Frau. Aber ich bin eine Frau, geboren in einem männlichen Körper. Für diejenigen, die evtl. gerade in dem Prozess der Erkenntnis und der Konfrontation mit dem eigenen Ich sind, möchte ich sagen, dass es wichtig ist, sich zu öffnen.

Man muss sich irgendwann entscheiden, wer man ist. Sonst zerbricht man daran.

Wann und wie haben Sie erkannt, dass Sie im falschen Geschlecht geboren sind?

Das ganze Leben lang merkt man, dass man irgendwie anders ist und etwas nicht richtig ist. Der Prozess der Erkenntnis ist sehr lang. Gott sei Dank habe ich Professor Beyer von der Charité in Berlin kennengelernt. Er war es, der mir die richtigen Fragen gestellt hat und mich auf meinem Weg unglaublich begleitet und unterstützt hat.

Sind Sie heute die Person auch nach außen hin, die sie schon immer nach innen waren? Sind Sie angekommen?

Ja.

Vielen Dank für Ihre Antworten Angelika!

 

 

Die Fragen und Antworten von Hanna B.:

Gab es Schwierigkeiten oder Herausforderungen für Sie in der Arbeitswelt bei Sodexo?

Herausforderungen gibt es natürlich immer, wenn man eine neue Arbeitsstelle antritt. Schließlich hat man ein neues Arbeitsumfeld, neue Kollegen und neue Aufgaben zu meistern! Allerdings hatte ich dabei niemals das Gefühl, meine Transidentität sei ein besonderer Faktor, der mir die Einarbeitung erschweren würde.

Ist Ihre Transidentität Thema bei den Kollegen oder Kunden?

Ich habe von Anfang an versucht, meinen Vorgesetzten und Kollegen zu vermitteln, das ich jederzeit für Fragen zu meiner Transidentität zur Verfügung stehe, ich selber das Thema aber nicht aktiv thematisieren werde. Insofern gab es besonders am Anfang interessierte Fragen aus dem Kollegenkreis. Mittlerweile denke ich, dass es weder bei Kollegen, Vorgesetzten oder Kunden noch irgendeine Rolle spielt.

Gibt es aus Ihrer Sicht Verbesserungspotenzial bei Sodexo im Umgang mit der Transidentitäts-Thematik?

Aus verschiedenen Gesprächen weiß ich, dass meine Einstellung durch Alexander K. schon ein besonderer Glücksfall für mich war! Zur Erklärung: wie ich herausgehört habe, wurde Herr K. wohl von Kollegen in ähnlicher Position darauf angesprochen, wie er denn so etwas wie mich einstellen könne!? Wenn ich mich richtig entsinne, hat Herr K. daraufhin geantwortet: „Fachliche und menschliche Kompetenz haben mir gefallen und alles andere war Nebensache.“ Das lässt für mich den Schluss zu, dass ich wohl in gleicher Lage und Position von einem anderen Operations Manager aufgrund meiner Transidentität nicht eingestellt worden wäre. Da denke ich, ist echtes Verbesserungspotential vorhanden.

Wann und wie haben Sie erkannt, dass Sie im falschen Geschlecht geboren sind?

Bereits als Kind habe ich gemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt. Viele Dinge haben sich für mich seltsam und fremd angefühlt. Allerdings war ich damals überhaupt nicht in der Lage, in irgendeiner Weise den Finger drauf zu legen. Dieses ganz klare Gefühl „du bist als Frau im falschen Körper geboren worden“ hatte ich nie! Allerdings ziehen sich durch mein ganzes Leben Ereignisse, Gedanken und Gefühle die ich immer als erstaunlich, seltsam und unpassend empfunden habe. Ohne die Möglichkeit, mich mit Familie, Freunden oder Fachpersonal darüber auszutauschen, habe ich also mein Leben gelebt und versucht, die in mich gesetzten Erwartungen (die ich ja auch selber an mich hatte) zu erfüllen. Meine Versuche, meinem wahren Ich zu entfliehen, mündeten dann vor ca. 3-4 Jahren in einer Existenzkrise. Dann kam der Punkt an dem ich mir selber gesagt habe: „Jetzt musst du dich dem stellen, was da in dir ist und was du schon so lange unterdrückst!“ Daraufhin habe ich mir dann psychologische Hilfe gesucht und im Verlauf der Therapie meine Transidentität für mich erkannt und gelernt, diese für mich zu akzeptieren.

Wie hat Ihr privates Umfeld darauf reagiert?

Insbesondere die Familie hatte am Anfang sehr große Umgangsschwierigkeiten damit, aber mittlerweile ist es auch dort kein Thema mehr. Auch Freunde und Bekannte sind mir/uns fast alle erhalten geblieben. Als besonderen Glücksfall empfinde ich die Tatsache, dass auch meine Partnerschaft mein Outing überstanden hat!

Gibt es etwas, dass Sie allen Kollegen gerne sagen würden?

Ja: es gibt Dinge im Leben, die kann man sich nicht aussuchen. So z.B. Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, sexuelle Orientierung, bedingt auch die Religion, usw. All diese Dinge sollten im Miteinander überhaupt keine Rolle spielen, denn sie sagen überhaupt nichts über den Menschen aus, der dahinter steckt! Da sollte nur und ausschließlich die Persönlichkeit zählen!

Was macht für Sie das Miteinander bei Sodexo aus?

Zum Beispiel die Tatsache, dass ich diese Zeilen schreiben darf und auch das Gefühl, dass sie gehört werden.

Vielen Dank für Ihre Antworten Hanna!

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