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Chrissie: Beschreibung meiner Outings

Autorin: Chrissie

Ich möchte heute über meine letzten Outings berichten um denjenigen etwas Mut zu machen, die vor einer ähnlichen Entscheidung stehen. Ich weiß, dass man die Situationen jedes einzelnen nicht miteinander vergleichen kann und warne daher davor meinen Weg einfach 1 zu 1 zu übernehmen. Das kann klappen, muss es aber nicht. Gern stehe ich aber beratend zur Verfügung um mit Euch Eure persönliche Situation zu erörtern. Ich habe z.B.  meinen Plan im Vorfeld mit meinem Psychiater besprochen.

Ich bin dabei folgendermaßen vorgegangen:

Zunächst habe ich mich nur denjenigen Freunden geöffnet, bei denen ich mir durch das Outing Vorteile versprochen habe. Also z.B. bei denen, die in direkter Nachbarschaft wohnen und denen ich beim Besuch des Gendertreff en-femme über den Weg laufen könnte.

Danach bin ich dann weiter vorgegangen und habe nach und nach alle Freunde einbezogen bis ich als Chrissie meine Geburtstage feiern konnte.

Bei alledem war es natürlich wichtig, die Schritte im Vorfeld mit meiner Frau abzustimmen, da sie ja ebenfalls dahinter stehen können soll. Bei der Nachbarschaft habe ich es ebenso gehalten, also nur die Nachbarn, mit denen ich direkten Kontakt hatte. Alle anderen haben es mit der Zeit von allein gemerkt, da ich nach und nach, ebenfalls in Absprache mit meiner Frau mein Aussehen verändert habe. Die Haare wurden nach und nach länger. Am Anfang kamen Damenhosen, dann Blusen dazu, und irgendwann der Rock, erst gegen Abend, danach auch tagsüber.

Wie manche ja bereits gelesen haben, hatte ich dann voriges Jahr ein großes Outing beim 35 jährigen Klassentreffen. Da ich nicht mit jedem Kontakt habe und auch nicht jeden einzelnen im Vorfeld informieren wollte, habe ich es dort nach der Holzhammermethode gemacht (eingeweiht waren lediglich zwei Person vom Orgateam mit denen ich häufiger Kontakt habe): Ich bin en-femme hingegangen (Business Outfit , schwarzer Rock und weise Bluse) und habe dann sinngemäß gesagt: „Hallo nicht wundern, ich bin seit Geburt transsexuell und lebe privat in meinem Identitätsgeschlecht, ich heiße übrigens Chrissie.“ Es gab ein paar erstaunte Gesichter, weil damit hatten die wenigstens gerechnet und dann kam von den damals größten Rabauken, die mir so manchen Streich gespielt hatten, der Satz: „Wir möchten uns in aller Form für die damaligen Streiche entschuldigen. Wenn wir das schon gewusst hätten, hätten wir es nicht gemacht.“ Danach gab es noch viele Einzelgespräche, bei dem sich auch zeigte, dass es wesentlich mehr von uns gibt. Wir waren ca. 80 Personen und es stellte sich heraus, dass die Cousine eines Klassenkammeraden ebenfalls einen männlichen Migrationshintergrund hatte. Wenn ich jetzt eine Statistik fälschen müsste könnte ich mit Fug und Recht behaupten, dass mehr als 2 % der Menschen Transsexuell sind.

Ein weiteres Outing war dieses Jahr bei der Jahreshauptversammlung der Eigentümergemeinschaft mit über 100 Eigentümern. Viele hatten mich ja schon sicher auf der Straße gesehen aber was mich doch etwas wunderte, das Umschalten klappte bei vielen hervorragend. Ich war wieder im Businesskostüm da und wurde direkt als Frau Quasdorf angesprochen. Keiner hatte irgendwelche Berührungsängste oder Probleme.

Da ich meinen beruflichen Weg nun auch als Frau gehen will habe ich als nächstes die Geschäftsleitung meines Kunden informiert. Dazu hatte ich mir einen Flyer mit vielen Information gedruckt, insbesondere mit einem Anschreiben und Fotos vom Fotographen (siehe Anhang). Das Gespräch habe ich sinngemäß so angefangen: „Ich möchte sie aufgrund unserer hervorragenden Zusammenarbeit im Vorfeld über eine private Änderung informieren. Ich bin seit Geburt transsexuell.  Sie kennen den Begriff? Privat lebe ich bereits schon in meinem Identitätsgeschlecht. Da ich beabsichtige meinen Weg auch beruflich weiter zu gehen und demnächst eine Personenstandsänderung beantragen möchte, werden sich in den nächsten Tagen meine Internetauftritte und danach auch mein äußeres Erscheinungsbild ändern. Ich habe Ihnen hier einmal Informationen über das Thema mitgebracht und stehe Ihnen bei Fragen natürlich gern zur Verfügung.“
Die Antwort: „Wir sehen da keine Probleme und schätzen sehr Ihre Offenheit. Wenn Sie möchten können wir gern im Vorfeld die Kollegen im Betrieb informieren.“ Da der Betrieb nur aus 10 Personen besteht habe ich dies dankend abgelehnt und in den nächsten Tagen die Kollegen einzeln auf dieselbe Art informiert. Bei keinem gab es irgendwelche Berührungsängste, mit einem Kollegen bin ich seitdem auch schon per „Du“.

Anschließend habe ich meine Webauftritte umgestellt und auch dort einige erklärende Worte beigefügt, auch auf Facebook gab es bisher nur positive Reaktion und diverse neue Freundschaftsanfragen. Genauso wie in den beruflichen Social Media. Seitdem habe ich – bis auf zwei – nur positive Feedbacks erhalten und hab mich zuletzt auch über die enorm gestiegene Zahl von Glückwünschen zu meinem Geburtstag gefreut.

Die einzigen bisher negativen Reaktionen war eine Cousine – wir waren früher wie Geschwister. Sie hat es nicht so leicht verkraftet und der Kontakt ist seit dem Outing etwas eingeschlafen. Die zweite kam von einem Bekannten, der am Anfang sagte: „Ist egal, aber wenn Du zu uns kommst bitte nur in normaler Kleidung.“ Dieser brauchte etwa 4 Jahre und kommt inzwischen auch damit klar, allerdings schafft er es noch nicht mich mit meinem neuen Namen anzusprechen. Für ihn bin ich immer noch Dirk und männlich.

Sicherlich hatte ich insofern Glück, dass meine Eltern früh gestorben sind und ich keine Geschwister habe, so dass mir das Problem „Verwandte“ erspart geblieben ist (außer zu meiner Cousine hatte ich sonst seit dem Tod meiner Eltern keinen Kontakt zu anderen Verwandten). Heute kann ich sagen, gut, dass ich den Weg so gegangen bin.

Aber noch mal der Hinweis: Dieser Weg muss nicht bei jedem klappen. Es kommt auch immer darauf an, wie selbstbewusst man ist und wie man selbst mit seiner Transidentität umgeht. Ich stehe zu meinem männlichem Migrationshintergrund, er ist ein Teil von mir. Das zeige ich auch anderen und bin nicht zuletzt auch dadurch authentisch.

 

Mein Anschreiben im Internet und im Flyer war wie folgt:

„Sehr geehrte Kunden, liebe Geschäftspartner,

Sicherlich werden einige jetzt etwas erstaunt sein, wenn Sie nach einiger Zeit wieder meine Seiten besuchen. Es hat sich eigentlich nur eine Kleinigkeit geändert, aus dem „rk“ im Namen ist „na“ geworden. Dies hat folgenden Hintergrund: Ich bin seit meiner Kindheit transident und habe in letzter Zeit viel mehr Kraft benötigt, die von Ihnen gewohnte Fassade des „Herrn Dirk Quasdorf“ aufrecht zu erhalten.

Da ich es aber nicht soweit kommen lassen möchte, dass mir diese Kraft hinterher bei der Arbeit fehlt und ich auch schon privat vollständig meinem tatsächlichen Geschlecht entsprechend als Frau lebe, habe ich mich nach reichlicher Überlegung entschlossen meinen weiteren Lebensweg komplett als Frau weiter zu gehen. Was wird sich für Sie ändern? Nun das ist in erster Linie der Name und in zweiter Linie werde ich wesentlich ausgeglichener sein als bisher. Da zudem keine Kraft mehr für die Aufrechterhaltung der Fassade benötigt wird, wird sich dies auch positiv auf meine Arbeitsleistung auswirken.

Wie Sie vielleicht wissen biete ich auch psychologische Beratung an und habe mich in dem Bereich auf das Thema Transidentität/Transsexualität spezialisiert. Ich stehe Ihnen daher auch gern für Fragen bezüglich dieses Themas zur Verfügung. Nach aktuellen Erkenntnissen ist Transsexualität übrigens keine psychische Krankheit sondern eine alternative Entwicklung des Fötus. Man kann dies Vergleichen mit einem Macbook auf dem Windows läuft. Die Hardware ist zwar Mac aber das Betriebssystem ist Windows und somit ist der ganze PC ein Windows-Rechner.

Ich weiß, dass für manche das Thema neu ist und andere vielleicht einfach nur Angst haben mich falsch anzusprechen. Ich kann Ihnen daher versprechen, dass ich keine Frage krumm nehme und selbst meine Frau ruft mich ab und zu noch in der Öffentlichkeit Dirk, womit ich keine Probleme habe.

Ich freue mich auf unsere zukünftige Zusammenarbeit, die für alle Beteiligten sicher noch erfreulicher wird als bisher, auf Ihre Resonanz und dass Sie mir auch in Zukunft das gleiche Vertrauen entgegenbringen wie bisher.

 

Mit herzlichen Grüßen, Ihre Dina Jessika Christine Quasdorf“

 

ChrissieQ

 

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>> Mein Flyer hatte folgenden Text, dazu kam ein Einleger für meine Geschäftskunden

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