Aktuelle Artikel im Gendertreff Magazin

Neulich auf der Toilette im Füchschen

Am Freitag, 21.01.2011 fand in der Tonhalle Düsseldorf das Neujahrskonzert mit Justus Frantz statt. Nun ja, ein klein wenig Kulturprogramm kann man manchmal nicht schaden. Außerdem ist solch ein Event ja auch immer mal eine nette Gelegenheit, sich mal so richtig chic zu machen. Und so entstand die Idee, das Konzert zu besuchen.

Gesagt, getan: Bernadette besorgte die Karten. Da das Konzert um 20:00 Uhr anfangen sollte, wollten wir vorher noch irgendwo Essen zu gehen. Also nutzte ich die Gelegenheit, mal ein etwas chiceres Kleid zu tragen. Ein schulterfreies Cocktailkleid mit dem Schnitt eines Etuikleids aus einem schweren, lilanen Satinstoff schien mir angemessen für ein Neujahrskonzert in der Tonhalle.

Wir trafen uns bei Rita und fuhren gemeinsam nach Düsseldorf. Schnell kam die Idee auf, zum Essen ins Füchschen zu gehen, da dieses Lokal in fußläufiger Entfernung zur Tonhalle liegt. OK, dafür war ich dann zwar etwas overdressed, aber wir wollten ja noch in die Tonhalle.

Im Füchschen war es natürlich wie immer richtig voll. Für die Nicht-Düsseldorfer bzw. Nicht-Rheinländer sei schnell erklärt: Es handelt sich um eine der traditionellen Düsseldorfer Hausbrauereien. Man bekommt dort ein unverschämt leckeres Bier und klassische rheinländische Brauhausküche – wirklich sehr zu empfehlen.

Wir setzten uns an einen Tisch, an dem bereits zwei Herren im Business Outfit saßen. Hier ein Bild, auf dem ich alle mehr oder minder unbeteiligten einmal ein wenig unkenntlich gemacht habe.

Im Füchschen in Düsseldorf

Die beiden Herren im Business Outfit hatten dem unverschämt leckeren Bier schon sehr fleißig zugesprochen und wie in rheinländischen Brauhäusern üblich, entwickelte sich auch sofort ein Gespräch.

Der eine wollte wissen, ob wir zu einem besonderen Anlass so angezogen wären. Offensichtlich also bezog er sich darauf, dass wir ja nun einmal erkennbar Transgender sind. Ich sagte: "Nein, wir sind immer so!" Dann erzählte Rita, dass wir noch in ein Konzert mit Justus Frantz in der Tonhalle wollten.

Er erklärte uns daraufhin, dass er keinesfalls irgendein Problem damit hätte, dass wir Transgender wären. Im Gegenteil: Er berichtete uns, dass sein Vorgesetzter sich vor einiger Zeit hätte "umoperieren lassen". Sein Vorgesetzter wäre jetzt eine Frau.

Obwohl die beiden Herren im Business Outfit ziemlich gebechert hatten, erscheint mir der Bericht des einen glaubhaft. Denn er wusste erstaunlich viel zum Thema und auch wenn er von "umoperieren" statt von der "geschlechtsangleichenden Operation" sprach war deutlich zu merken, dass ihm das Thema Transidentität durch die Erfahrung in seinem beruflichen Umfeld nicht neu war.

Dann kam unser Essen und wir beeilten uns, um pünktlich zum Konzert zu kommen. Nach dem Essen ging ich noch kurz zur Toilette, denn Dank der fleißigen Köbesse hatte ich beim Essen schnell drei leckere Füchschen Alt gehabt.

Doch was war das? Vor der Toilettentür stand eine Klofrau, die tatsächlich meinte, ich solle doch die Herrentoilette benutzen. Das habe ich ja wirklich noch nie erlebt – auch im Füchschen nicht, wo ich ja auch nicht zum ersten Mal war. Ich sagte: "Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich auf die Herrentoilette gehe?"

Nun ja, sie schien das aber tatsächlich zu glauben. Ich blieb aber ruhig und höflich und bat sie, den Weg bitte freizugeben. Mit einem hingeblafften "na meinetwegen" trat sie zu Seite.

Die Damentoilette des Füchschen ist relativ klein, also musste ich kurz warten. Eine Dame kam aus einer der Kabinen, sah mich und sagte: "Wow, sie tragen aber ein chices Kleid". Darauf die Frau am Waschbecken: "Ja, wirklich, ganz tolle Farbe!"

Ich bedankte mich und ging in die Kabine. Ich hatte gerade abgeschlossen, da kam die Klofrau rein. Durch die geschlossene Kabinentür hörte ich, wie sie sich wohl offensichtlich bei den anderen anwesenden Damen Rückendeckung holen wollte: "Also das kann doch nicht wahr sein! Da geht der einfach auf die Damentoilette!"

Darauf eine der Damen draußen: "Wieso denn nicht? Sie ist doch vielmehr Dame als manch andere hier!"

Ja, dumm gelaufen für unsere Klofrau. Das nennt man wohl ein klassisches Eigentor. Denn nur sie konnte ja diejenige sein, die mit "manch andere hier" gemeint war,

Ja, und dann bekam ich noch einige Komplimente durch die geschlossene Kabinentür. Schließlich wollte eine der Damen draußen noch wissen: "Aber Sie setzen sich doch sicher auch, oder?"

Ich sagte: "Selbstverständlich", worauf sie berichtete, dass sie Karneval einmal versucht hätte, auf der Herrentoilette im Stehen in eines der Urinale zu pinkeln. Also sowas! Da soll frau noch in Ruhe pinkeln können. Ich wäre jedenfalls vor Lachen fast von der Toilette gefallen.

Als ich fertig war, war es am Waschbecken leer. Nur die Klofrau war noch da. Nun stammelte sie sich einen zurecht, dass sie mich sicherlich nicht hätte beleidigen wollen. Sie hätte ja nur gedacht, dass die anderen Frauen vielleicht ein Problem haben könnten.

Höflich lächelnd sagte ich ihr, dass das doch völlig okay wäre. Ich öffnete meine Handtasche, entnahm das Portemonnaie und legte ihr 50 Cent in ihre Schale. Wetten, die Gute hat an diesem Abend etwas dazugelernt?

Wir gingen dann zur Tonhalle und genossen das Konzert. Neben Stücken von Brahms wurde u.a. die Ouvertüre aus der Operette "Die Fledermaus" von Johann Strauss gespielt. Es war wirklich ein tolles Erlebnis.

Beim Verlassen der Tonhalle nach dem Konzert stellten wir fest, dass Franz Müntefering unter den Besuchern war. Ich kann jetzt also mit Fug und Recht sagen, ich hätte Franz Müntefering im Kleid gesehen. OK, das Kleid habe ich natürlich getragen. 😉

Viele Grüße

Ava

>> Zum Forum

>> Zur Inhaltsübersicht