Aktuelle Artikel im Gendertreff Magazin

Meine Geschichte, meine Erlebnisse, meine Gefühle, meine Eindrücke

Ich möchte einmal versuchen, meine Gefühle als Transgender zu beschreiben. Was in mir vorgeht wenn ich mich umziehe, schminke und zur „Frau“ verwandele. Die Gefühle, wenn ich en-femme ausser Haus geh`, mein Inneres nach Aussen krempel, wenn Bilder von meiner weiblichen Seite gemacht werden und wie ich mich in den Kleidern des eigentlichen Geschlechts fühle. Diese Eindrücke zu beschreiben verbunden mit der Frage woher das alles kommt, ist sicher nicht einfach und auch bei den meisten verschieden.
Ich kann nur versuchen es aus meiner Sicht zu erzählen.

In sehr jungen Jahren fing es bei mir an Mutters Schuhe aus zu probieren. Dies schien aber für mich noch nicht von Bedeutung zu sein, denn erst in der Pubertät ging es mit kleinen Schritten weiter. Ich kann mich durchaus daran erinnern, dass ich in jungen Jahren das Gefühl hatte, dass mit mir etwas nicht stimmt und glaubte schon ein Mädchen sein zu wollen, traute mich aber nicht mit irgend jemand darüber zu sprechen. So mußte Nachts mein Kopfkissen für den Frust herhalten. Ich weinte und die Pubertät verging. Ein guter Freund besorgte mir ein rosa Mieder, das ich aber auch gleich wieder vernichtete. Kurze Zeit später fand ich in einem Kleiderschrank ausgediente Damengarderobe. Ich „tobte“ mich aus mit den Hosen, Röcke, Pullover und BHs. Es wurde wieder ruhiger und der Alltag brachte die Ablenkung bis dann einige Jahre später das Verlangen wieder Damenwäsche zu tragen erneut aufkeimte. Zudem hatte ich immer das Gefühl, dass mit mir etwas nicht stimmte. Hier und da mal eine Bestellung aus dem Katalog aber eher stümperhaft und meist stimmten die Größen nicht. Zu Karneval einmal zurecht gemacht und durch die Stadt gezogen. In den 90ern hatte ich dann mehr Erfahrung und meine (Damen-)Grösse war klar. Die Einkäufe verliefen gezielter, später kam dann das Internet dazu und nach meinem Coming-out (2004 und 2005) wurde ich auch ruhiger und gelassener. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich es einem guten Freund zu verdanken, dass ich meinem Wunsch, ab und zu Frau sein zu können, ausleben konnte. Mittlerweile quillt mein Kleiderschrank über und Männerklamotten habe ich kaum noch. Sogar Damen- und/oder androgyne Schuhe lassen sich im Alltag gut tragen. Eingekauft wird in der Stadt (Shopping macht so einen Spass) und es wird immer normaler, dass es Xenia gibt.

Einer hat feste Zeiten, zu denen er sich verwandelt, andere machen es jede freie Minute, die nächsten wiederum je nach Lust und Laune. Wenn es die Zeit erlaubt, ein Termin ansteht oder es Angemessen ist, dann geht in mir wieder dieses Kribbeln los, der Körper weiss was dann kommt. Die Gefühle sind schwer zu beschreiben, wenn die männlichen Äusserlichkeiten verschwinden, eine kunstvolle Verwandlung beginnt und ich mein Inneres nach Aussen krempel. Dieses Gefühl einen Rock zu tragen und Nylonstrümpfe auf der Haut zu spüren, kann ich nur schlecht in Worte fassen. Wenn dann dazu noch die passenden Ergänzungen wie Make-Up, Schuhe, Schmuck und Perücke oder zurecht gemachte eigene Haare stimmen, dann ist die Illusion perfekt. Es ist mir immer sehr wichtig, dass ich als Xenia so natürlich und echt wie möglich rüber komme, bin mir aber durchaus bewußt, dass dies nicht funktionieren kann. Aber das ist mir mittlerweile egal, denn das Passing, ein gutes inneres Gefühl und ein neu gewonnenes Selbstvertrauen ist wichtig und nach Aussen sichtbar.

Viele Jahre habe ich für diese Erkenntnis gebraucht, weil ich mir von Zeit zu Zeit immer wieder einredete, dass etwas mit mir nicht stimmt. Ich dachte ich bin krank, pervers und hab mich gegen mein zweites Ich gesträubt. Lange wäre das auch nicht mehr gut gegangen, was seelische und körperliche Folgen anbelangt. Endlich stehe ich dazu und es wird keine „Reinigungsaktion“ mehr geben (ich trauere nämlich den Sachen nach). Wichtig für jeden ist es, genau zu wissen, was er ist bzw. sein möchte. Für mich ist es die einzige Möglichkeit der Umwelt zu zeigen wie man/frau innerlich tickt. Eben ein Transgender aus Leidenschaft. An eine GaOP denke ich zur Zeit nicht und bin nicht dauergeil. Ich bin ein Wanderer zwischen den Geschlechtern. Für mich ist mittlerweile klar, dass ich Transsexuell bin. Aber werde ich den beschwerlichen Weg vieler Gleichgesinnter noch gehen wollen? Ich möchte meine kleine Familie nicht verlieren, denn meine Frau hat einen Mann und nicht eine Frau geheiratet und ich möchte meinen sozialen Status auf meine alten Tage behalten. Auch die Einnahme von Hormonen und die beschwerliche GaOP muss gesundheitlich überstanden werden. So ist für mich der nun gewonnene Status das kleinste gemeinsame Übel, für meine Familie, Verwandte, Bekannte, Freunde und mich. Ich bin also quasi zur Zeit eine TS die es als TV auslebt. Oder besser ich bin ein Transgender! Siehe auch hier .

Transgender sind ein Stück unserer Alltagskultur ! Auch wenn es viele Zeitgenossen nicht wahrhaben wollen. Wir sind nur ein kleiner Teil der bunten Vielfalt in dem großen Zoo, in welchem jeder seinen Platz hat. Wir lassen uns nicht an den Rand der Gesellschaft drängen. Geoutet oder nicht, wir stehen unseren Mann, respektive Frau und das, obwohl uns das Leben wesentlich mehr Disziplin abverlangt als anderen Menschen. Irgendwo im Nirgendwo stehend, zwischen allen Stühlen sitzend, sind wir Fremde auf dieser Welt? Nur wenn wir uns dazu machen lassen. Wir sind ein Stück menschlicher Normalität! Menschen wie uns hat es immer gegeben und wird es immer geben.

Bilder machen ist so mit das Größte und ich glaube, dass ist bei den meisten TGs so. Es ist immer wieder eine große Herausforderung, so echt wie möglich auf den Bildern zu erscheinen. Ich schau mir gerne meine Bilder an, die Stimmung dabei ist nur schwer zu erklären. Bei einem Coming-out können Bilder sehr hilfreich und unterstützend sein. Fotos von anderen Transgendern schau ich mir teils kritisch teils neidisch an.

Das Gefühl, als ich das erste Mal en-femme in die Öffentlichkeit ging – war – weiß nicht. Wenn ich an meine damalige Kleidung, das Make-Up und die Perücke denke wird mir ganz flau, so grausam war es. Aber trotzdem wollte ich es versuchen. Fahrstuhl runter, über einen beleuchteten Fußweg zur Straße. Auf die andere Straßenseite, wieder zurück und Fahrstuhl wieder hoch. Das war im Februar 2004. Drei Monate später dann mein „Auftritt“ in Holland, nach meinem Outing, war dann aber auch noch nicht stilvoller, aber immerhin länger und im Hellen.

Wenn Du also einmal einem Transgender auf der Straße oder sonst wo begegnest, beachte sie gar nicht. Damit machst Du ihr das größte Kompliment. Beschimpfen oder gar verprügeln brauchst du sie auch nicht, denn sie hat vom Leben schon genug in die Fresse bekommen. Im Gegenteil, ein schönes Kompliment tut uns auch gut.

Das Gefühl sich als Frau außer Haus zu bewegen ist extrem, der Adrenalinspiegel steigt ins Unermessliche. Wie reagieren die anderen Passanten auf mich, spricht mich wer an, lästert einer über mich? Kann es mir nicht egal sein wenn so etwas passiert? Natürlich aber diese Hemmschwelle muss erst einmal überwunden werden. Je öfter man als Frau unterwegs ist, desto mehr Erfahrungen sammelt man. Es geht einem am Allerwertesten vorbei, wenn sich andere nach einem umschauen oder Sprüche machen – es wird „normal“. Dennoch muss ich sagen, dass jeder „Ausgang“ sein Highlight hat und das gewisse Kribbeln im Bauch bleibt aber das ist völlig okay.

Sollte mich hier jemand erkennen, na schön, dann ist es eben passiert, damit rechne ich täglich! Entweder wir reden dann darüber oder du behältst es einfach für dich. Denn wichtig ist nur eins, ich lebe mein Leben und du deins und wir haben nur das eine!

Die ganzen Jahre hab ich mir Gedanken gemacht, woher diese Neigung kommt. Sie ist einfach da, seit meiner Geburt. Vielleicht sind meine Gene zu sehr weiblicher Natur. Jeder Mann hat weibliche Chromosomen, vermutlich bei uns ein paar mehr.

Zitat eines Seelenklempners (Aus dem Internet): Wollen sie das denn überhaupt ergründen, das warum? Leben sie so wie sie das wollen, leben sie es aus, sie schaden keinem, und sich verstecken, das hat sie krank gemacht, nicht ihre Neigung. Die Frage nach dem warum könnte etwas Schmerzliches hervor bringen. Wollen sie das? Ändern daran können sie doch nichts. (Juli 2004)

Wir Trannys müssten eigentlich froh sein, so zu sein wie wir sind. Denn wer kann schon von sich behaupten als Mann und Frau gleichermaßen auf dieser Welt zu leben. Ich stelle immer wieder fest, dass viele der TGs die ich kennen gelernt habe, zu einer sehr netten und aufgeschlossenen Gruppe von Menschen gehören von denen es mehr auf dieser Welt geben müsste. Dies gilt auch für deren Angehörige.

Zitat von Herrn Professor Dr. Fiedler aus der März-Ausgabe von Psychologie heute: Die meisten Transgender können mit dieser Identität sehr zufrieden leben. Und auch in der Gesellschaft wird dieses Verhalten zunehmend akzeptiert, so dass inzwischen überlegt wird, Transgender nicht mehr als psychische Störung anzusehen. (März 2005)

Meine wahren Begebenheiten sollen zeigen, was möglich ist und hoffentlich nicht arrogant wirken, besonders Newcomern soll es Mut machen vor die Tür zu gehen.
Ich wünsche uns Transgendern (und damit meine ich alle Facetten) nicht nur Toleranz in der Gesellschaft, sondern auch Akzeptanz. Besonders aber im engeren Umfeld.

— Zeigen wir Präsenz im Alltag —

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