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Ginnys Erfahrung zur Partnerschaft

Im Hinblick auf das Thema Beziehung und Partnerschaft habe ich eine weniger angenehme Erfahrung gemacht, von der ich mal berichten möchte.

Und wir gerne hier, mit deiner freundlichen Genehmigung, veröffentlichen. (Team Gendertreff)

Die Geschichte ist mittlerweile schon über ein Jahr her. Eigentlich wollte ich schon früher hier posten, aber irgendwie kam dann immer was dazwischen. Aber die 1,5 Jahre Distanz sind eigentlich gar nicht verkehrt, dadurch kann ich weitaus weniger emotional davon berichten. Nun denn…

Anfang 2010 begab es sich, dass ich mich mit einer Kollegin anfreundete. Zunächst ein eher lockerer Kontakt mit lockeren eMails und Telefonaten, mit der Zeit wurden die eMails, SMS und Telefonate aber zahlreicher und vertrauensvoller…abendliche Telefonate konnten dann auch schon mal drei Stunden dauern. Dann kamen die gegenseitigen Besuche und wir beide merkten, dass sich da etwas anbahnte. Ich war natürlich auch sehr erfreut, war ich doch schon ziemlich lange solo. Allerdings war da natürlich noch etwas, was ich ihr bislang noch nicht anvertraut hatte.

Irgendwann im Frühjahr hatten wir uns dann Freitags bei ihr verabredet, gemeinsam DVDs gucken, und ich könne dann auch gerne bei ihr übernachten. Auf der Fahrt zu ihr war mir klar, heute Abend wird was passieren. Und mir war klar, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen war, wo ich „Ginny“ nicht länger verschweigen darf. Ich hatte mir immer geschworen, dass ich, wenn sich eine Beziehung anbahnt, der designierten Partnerin vor der Intensivierung der zwischenmenschlichen Beziehung reinen Wein einschenke. Alles andere wäre in meinen Augen unfair.

Es kam dann wie erwartet, die DVD war eher nebensächlich, wichtiger war das in den Arm nehmen, Händchen halten etc.. Das war dann der Zeitpunkt, wo ich ihr von Ginny erzählt habe. Im Vorfeld hatte ich mir ein paar Formulierungen überlegt und hatte auch ein Bild von Ginny auf dem Handy.

Ihre Reaktion war zunächst überrascht, aber nicht abweisend oder gar angewidert. Sie hat dann auch einige Fragen gestellt, und hat auch betont, dass sie es super fände dass ich ehrlich zu ihr bin. Nach einer eher ruhigen Phase kam dann die Knutscherei und wir landeten schließlich im Bett…

Als ich dann am nächsten Morgen nach einer eher kurzen Nacht aufwachte war sie schon aufgestanden und in der Küche zu Gange. Auf dem Weg ins Bad merkte ich schon an ihrem eher knappen „Guten Morgen“ dass da irgendwas war. Später am Frühstückstisch war sie dann auch sehr wortkarg und der Tisch wirkte eher lieblos gedeckt. Nicht dass ich übermäßigen Wert auf Tischdeko lege, aber der Unterschied zum Abendessentisch am Abend zu vor war mehr als deutlich. Der Abschied fiel dann auch ziemlich kühl aus. Wir beide hatten an dem Samstag jeweils Termine bei unseren Vereinen, insofern war schon vorher klar dass wir den Samstag nicht gemeinsam verbringen.

Ich fuhr dann mit sehr gemischten Gefühlen ab. Zum einen die Freude, dass man womöglich einen Partner gefunden hat. Zum anderen das ungute Gefühl, dass da irgendwas bei ihr rumorte und nichts daraus werden würde.

Tagsüber kam dann auch nur eine knappe SMS von ihr, wo sie mir viel Spaß bei den Modellbau-Kollegen wünschte. Ich wusste, dass sie an dem Samstagabend mit ihren Vereinskollegen auf eine Kirmes hier in der Gegend gehen wollte und rechnete an dem Abend nicht mehr mit einem Anruf. Aber plötzlich, kurz vor 23 Uhr klingelte mein Telefon, und sie war dran, im Hintergrund eine Kirmes-Geräuschkulisse. Sie erzählte mir, dass sie den ganzen Tag nachgedacht habe und zu der Erkenntnis gekommen sei, dass sie mit mir keine Beziehung eingehen kann. Begründung u.a. war, dass sie auf einem Dorf wohnt, dort im Vorstand eines Vereins ist und kein Risiko eingehen möchte, im Dorf ins Gerede zu kommen. Sie hat mir aber auch gleich versichert, dass sie niemandem von meinem zweiten ich erzählen wird (das Versprechen hat sie auch eingehalten).

Natürlich war ich nach dem Telefonat ziemlich bedrückt, keine Frage. Aber irgendwie war ich auch erleichtert. Erleichtert, dass ich mich frühzeitig geoutet habe. Was wäre geschehen, wenn ich erst Monate später mit meinem Geheimnis rausgerückt wäre? Wenn die Beziehung schon feste Strukturen entwickelt hätte und dann schlagartig geendet hätte, mit all dem damit verbundenen Erklärungsbedarf gegenüber dem jeweiligen Freundeskreis? Ich will es gar nicht wissen, denn das wäre für mich keine Option. Ich würde den Weg mit dem frühzeitigen Outing immer wieder gehen. Das kann natürlich bedeuten, dass ich für den Rest meines Lebens ohne Partnerin bleibe. Sicherlich kein angenehmer Gedanke, aber ich kann und will Ginny nicht „abschalten“, „wegtherapieren“ oder sonst was. Ginny ist ein Teil meines Lebens, und das wird auch immer so bleiben.

Mit meiner Kollegin habe ich mittlerweile ein gutes, freundschaftliches Verhältnis. Zunächst war einige Monate weitgehend Funkstille, aber mittlerweile können wir beide sehr locker damit umgehen.

Liebe Grüße
Ginny

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