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In kleinen Schritten, mein Weg zum Ich: 1966-2010

In sehr jungen Jahren fing es bei mir an, ich probierte Mutters Schuhe an. Dies schien aber für mich noch nicht von Bedeutung zu sein, denn erst in der Pubertät ging es mit kleinen Schritten weiter. Ich kann mich durchaus daran erinnern, dass ich früh schon das Gefühl hatte, dass mit mir etwas nicht stimmt. Ich glaubte schon ein Mädchen sein zu wollen, traute mich aber nicht mit irgendjemand darüber zu sprechen. In der Pubertät musste nachts mein Kopfkissen für den Frust herhalten. Ich weinte manchmal nächtelang und die Pubertät verging. Zwischendurch besorgte mir ein guter Freund ein Mieder, das ich aber auch gleich wieder vernichtete. Kurze Zeit später fand ich in einem Kleiderschrank ausgediente Damengarderobe. Ich „tobte“ mich aus mit den Hosen, Röcken, Pullovern und BHs. Es wurde wieder ruhiger und der Alltag brachte die Ablenkung, bis dann einige Jahre später das Verlangen, wieder Damenwäsche zu tragen, erneut aufkeimte. Das Gefühl, dass mit mir etwas nicht stimmte, war irgendwie immer zugegen. Hier und da tätigte ich mal eine Bestellung aus dem Katalog, aber eher stümperhaft und meist stimmten die Größen nicht. Zu Karneval habe ich mich einmal zurechtgemacht und bin durch die Stadt gezogen. In den 1990iger Jahren hatte ich dann mehr Erfahrung beim Kleiderkauf, weil ich nun meine Damengröße kannte. Mir wurde auch so langsam klar, dass es hier nicht nur um die Kleidung ging, konnte es aber erst etwas später mit Hilfe des Internets mehr und mehr zuordnen.

Bis zu meinem Coming-out 2004 und 2005 bei meiner Frau und Familie, hatte ich es meinem guten Freund zu verdanken, dass ich meinem Wunsch, ab und zu Frau sein zu können, ausleben konnte. Die Jahre bis zu meinem Outing 2004 war das mein Ventil. Ich weiß nicht wie das sonst ausgegangen wäre. Wir trafen uns ab und zu im Jahr zu einem „Männerabend“ und redeten über viele Dinge, auch über unsere Probleme. Ich hatte bei ihm einen kleinen Fundus an Damenbekleidung in zwei Koffern untergebracht. Daraus konnte ich mich dann bedienen. Mittlerweile quillt mein Kleiderschrank über und Männerklamotten habe ich kaum noch. Sogar Damen- und/oder androgyne Schuhe lassen sich im Alltag gut tragen. Eingekauft wird in der Stadt (Shopping macht so einen Spaß) und es wird immer normaler, dass es Xenia gibt.

Viele Jahre habe ich für diese Erkenntnis gebraucht, weil es immer klarer wurde, dass etwas mit mir nicht stimmt. Ich dachte ich bin krank, pervers und hab mich gegen mein zweites Ich gesträubt. Lange wäre das auch nicht mehr gut gegangen, was seelische und körperliche Folgen anbelangt. Endlich stehe ich dazu und es wird keine „Reinigungsaktion“ mehr geben (ich trauere nämlich den Sachen nach). Wichtig für jeden ist es, genau zu wissen, was er ist bzw. sein möchte. Für mich ist es die einzige Möglichkeit der Gesellschaft zu zeigen wie frau innerlich tickt.

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