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In kleinen Schritten, mein Weg zum Ich: 11-2011

Versprochen war, dass es einen gleitenden Übergang geben wird also was ziehe ich an. Mit meiner Frau zusammen fiel die Entscheidung auf Strumpfhose, Jeanshose, ein helles Longshirt und Pumps mit einem leichten Absatz. Nachdem ich im Bad fertig war, stieg ich mit einem seltsamen Gefühl ins Auto um wenig später etwas flattrig vom Firmenparkplatz zu meinem Büro zu gehen. Routine und alles war eigentlich gewohnt, aber doch war es anders als sonst.
Nachdem ich mein eMail-Konto geöffnet hatte, staunte ich nicht schlecht. Viele Glückwünsche und Respektbekundungen von Kolleginnen und Kollegen waren eingetroffen. Durchweg positive Benachrichtigungen und dies sollte sich im Laufe des Tages persönlich fortsetzen.

Viele rechneten mir mein Outing hoch an, wünschten mir alles Gute, dass ich von jedem genauso behandelt werde wie vorher, sprachen ihren höchsten Respekt und Bewunderung  aus, fanden den Schritt mutig, dass ich mein Leben so leben kann wie ich will, dass ich mich nicht beirren lassen soll, dass sich an unserem kollegialem Verhältnis nichts ändern wird, dass ich mich jetzt bestimmt wohler fühle und wünschten mir einen guten Start als Frau.
Einige bedankten sich für die offenen Worte und dass sie eine Kollegin wie mich kennen lernen durften. Andere gingen einfach zum Tagesgeschäft über.

Auch Lieferanten aus dem In- und Ausland bekundeten ihre Hochachtung, beglückwünschten meinen Schritt oder „schalteten“ einfach um und änderten ihre eMail.

Was aber vollständig meine Vorstellungskraft übertraf war, was ich vorfand, als ich von der Kantine wieder zurück ins Büro kam. Da hatte meine Kollegin einen Kuchen auf meinem Schreibtisch platziert worauf geschrieben stand: Herzlich Willkommen Xenia. Ich muss gestehen, dass ich kurzzeitig die Kontrolle verlor.

Auch die zwei weiteren Tage bis zum Wochenende wurden einige Gespräche im Büro, Kantine, Lager und Raucherraum geführt und es trafen noch einige eMails ein. Einigen gefiel der fließende Übergang, das Make-up, die Haare und mein Auftreten. Weitere Lieferanten wurden von mir im Tagesgeschäft über die neue Situation informiert und sie gingen sehr professionell damit um. Am Telefon ist es etwas schwieriger, wegen der Stimme.

Kurzum sprachen mir die meisten Zuspruch zu, respektieren meinen Mut und wünschen mir für die Zukunft weiter alles Gute. Ich glaube, dass ich im Unternehmen volle Rückendeckung genieße und nun mein Leben wieder Spaß macht.

Ende November haben wir Abteilungsmeeting, bei dem der Außendienst und der Innendienst zusammen sind. Dort werden dann auch die Kolleginnen und Kollegen aus dem Außendienst mich das erste Mal sehen und auch dort wird es Gesprächsbedarf geben. Zur Weihnachtsfeier dann findet sich bestimmt noch etwas Passendes in meinem Kleiderschrank.

Heute, den 15. Nov., ist der schriftliche Beschluss, zur Eröffnung des Verfahrens zur Personenstandsänderung beim Amtsgericht, eingetroffen. Unter anderem sind die beiden Sachverständigen bestellt und die Gerichtskasse wird sich wegen einem Gutachtenvorschuss melden. Befremdlich ist die ständig wechselnde Anredeform.

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