Aktuelle Artikel im Gendertreff Magazin

E-Mail vom Chef – Transition am Arbeitsplatz

Manchmal ist es mit dem Thema Transition am Arbeitsplatz einfacher, als man denkt. Hanna aus dem Gendertreff Forum berichtet von ihrer Transition im beruflichen Umfeld.

Liebe Freundinnen,

ich kam vor ca. 1,5 Jahren recht schüchtern zum Gendertreff, als Mann, unter meinen weiten Sachen Strumpfhose, Rock, BH etc. verborgen, so wie mein Leben bis dahin. Mit euch habe ich gelernt, laufen zu lernen und heute stehe ich noch lange nicht am Ende meines Weges, habe aber schon so einige Hürden genommen. Von einer großen Hürde, dem Outing in meiner Firma, möchte ich euch kurz berichten.

Am besten kopiere ich euch einfach den Text, den meine Chefs über mich geschrieben haben. Die untere spätere Mail hat einen potentiellen Empfängerkreis von ca. 2000 Leuten, ich arbeite in einer Firma mit ca. 4000. Mein Chef sagte danach „Jetzt bist du berühmt“. Ich kann dem nicht viel hinzufügen. Am Abend nach diesen Mails habe ich vor Glück geheult und ich brauche diesen Worten nichts hinzuzufügen:

eure Hanna

(Ich werde in der Mail noch als Holger bezeichnet, gehe aktuell noch als Mann „verkleidet“ ins Büro, TTC ist meine Abteilung.)

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From: M.,
Sent: Monday, June 24, 2013 10:29 AM
To: xxxxx approx 80 people Subject: Diversity @ TTC

Liebe Kollegen.

Dies hier ist sicherlich eine ungewöhnliche und nicht alltägliche Mail, aber ich freue mich, diese schreiben zu dürfen.

Ein Teil unserer Kultur des Unternehmens ist Vielfalt oder, um den Trendnamen zu nutzen, „Diversity“.
Für uns im Team ist das nichts Neues, wir arbeiten bereits überregional und auch global zusammen und das nicht einfach so, sondern wir sind ein echtes Team.
Wir sind so bunt wie die Gesellschaft und wir profitieren von unterschiedlichen Sichtweisen und persönlichen Hintergründen.
Die Kultur im Team, der Abteilung und letztendlich im Unternehmen wird geprägt durch unsere Vielfalt.
Akzeptanz und Toleranz sind Elemente, aber letztlich ist so etwas nur mit Wertschätzung erreichbar. Wertschätzung kommt nicht nur von der Führungskraft (oder sollte kommen 😉 ), sondern von untereinander gelebter Wertschätzung.

Um wertschätzend miteinander umgehen zu können, brauchen wir ein Umfeld, in dem sich niemand verstellen muss. Ein Umfeld, in dem wir so sein dürfen wie wir sind.
Niemand sollte seine Energie verschwenden, sich an ein wie auch immer geartetes Ideal anpassen zu müssen.

Daher bin ich froh, dass Holger H. mir über seine Transidentität (besser bekannt als Transsexualität) und die damit verbundenen Schritte berichtet hat und bewundere seinen Mut.
Ganz normal ist, dass jeder von uns eine sexuelle Orientierung und eine Geschlechter-Identität besitzt, so individuell wie der Mensch an sich.
Außergewöhnlich ist es aber (leider) immer noch, über Themen zu sprechen, die vermeintlich von einer / der gesellschaftlichen Norm abweichen.

Dazu möchte ich hier ganz klar Position beziehen!

Holger H. hat bereits damit begonnen, sich über einen längeren Zeitraum geschlechtsangleichenden Maßnahmen zu unterziehen.
Er wird dadurch auch nach außen in der Identität als Frau leben können, die ihn bereits sein ganzes Leben innerlich prägt.
Ich finde es sehr gut und einen Vertrauensbeweis, dass Holger den Mut hat, dies mit uns zu teilen.
Ich stehe uneingeschränkt hinter Holger und werde ihn in jeder Hinsicht unterstützen. Das Gleiche erwarte ich von jedem/jeder KollegIn im Team.
Selbstverständlich dürft ihr ihn bis auf weiteres mit Holger und in der männlichen Anrede ansprechen, die weibliche Form mit Hanna ist noch nicht notwendig, aber durchaus möglich.

Warum kommuniziere ich dies via Mail?
Ich wollte jedem von euch die Gelegenheit geben, diesen Schritt in Ruhe persönlich zu reflektieren.
Ich hoffe, dass ihr gemäß des rheinischen Brauchtums „jeder Jeck is anners“, mit Neugier und Aufgeschlossenheit auf Holger zugehen könnt.
Die Mail soll also kein Mittel versteckter und anonymer Kommunikation sein und bleiben, genauso wie das Thema an sich kein Tabu bleiben sollte.
Holger und ich würden uns freuen, wenn ihr das offene Gespräch sucht und ihr euch / wir uns mit Interesse auf die Veränderung einstellen.

Ich kenne euch alle gut und bin mir sicher, dass es nicht erforderlich ist, aber eines möchte ich dennoch ganz klar zum Ausdruck bringen:
Ich werde keinerlei Ausgrenzung, Diskriminierung, Ironie, Ignoranz, Tuschelei o. ä. dulden.
Am Mut von Holger sollte sich jeder ein Beispiel nehmen!

Vielfalt nicht nur tolerieren, sondern sich aktiv mit den Unterschieden der Menschen beschäftigen führt zu einer Erweiterung des persönlichen Horizonts und Flexibilität im Denken.

Mit diesen letzten Sätzen möchte ich nicht nur die Mail beenden, sondern auch den virtuellen Kommunikations-Pfad verlassen.
Geht auf Holger zu, sucht das Gespräch.
Aber vielleicht braucht ihr auch zuerst einen anderen Ansprechpartner. Ein Jeder kann sich gerne vertraulich an mich oder auch an Gerda K, unsere Diversity Beauftragte, wenden.

Gruß M.

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From: xxxx, S,
Sent: Monday, June 24, 2013 16:58 AM

To: xxxxx approx 90 to 2000 people Subject: Diversity @ TTC

I buried my best friend on Saturday; he taught me the importance of living life to the fullest. I admire and applaud your bravery, Holger, to do what is right for you to get fulfilment in your life and I echo the sentiments that Meinolf has eloquently expressed below. We’re here to support you and I wish you luck and happiness as you undertake this challenging and rewarding journey.

I can only imagine the anguish you’ve gone through before you reached the point where you were ready to overcome your anxiety and what is right for you. There are many people who become entrenched in their lifestyles, ways of working, etc. You see the need to change and you are making it happen – good for you! My wish is that you get tremendous support from those around you. Should you find anybody who be unsupportive or make you feel in any way uncomfortable, please remember two things:

  • Should anyone have their own issues or prejudices that they project that on you, shame on them and you should never feel diminished by them – for each of them, there are multiple people who feel inspired by you
  • Should anyone in the workplace treat you with less than 100% respect, I genuinely want to know about it. I want you to feel absolutely comfortable within your work community, and you have my word that I will give not tolerate anything that threatens this

That said, I believe that people are understanding and caring, and I expect you to be well supported through your transition and beyond, and safe / comfortable / happy in your working life.

S.

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