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Hanna kann nicht mehr

Autorin: Hanna

 

Im letzten Betrieb war ich ziemlich exakt 4 Jahre beschäftigt. Angefangen habe ich dort noch als (recht weiblicher) Mann, so z.B. bereits mit gegelten Fingernägeln und meistens dezent geschminkt. Am Anfang wurde ich zwar misstrauisch beäugt und fast automatisch von allen als schwul eingestuft, aber ansonsten war alles wirklich problemlos!

Vor ca. 2-2½ Jahren war ich an dem Punkt angekommen, wo ich, ausgelöst durch verschiedene Dinge, die den Rahmen deutlich sprengen würden, mich selbst nicht mehr belügen konnte und ich habe so nach und nach endlich der Wahrheit ins Auge sehen können und mein Frausein endlich für mich akzeptieren können! Das war eine extrem schwierige und aufreibende Zeit für mich und obwohl ich es versucht habe, konnte ich meine inneren und äußeren Veränderungen natürlich nach außen hin nicht mehr verbergen.

Irgendwann vor gefühlt 1½ Jahren habe ich mich dann auch im Betrieb geoutet, um verschiedene Situationen, die durch mein bis dato nur privates Coming-out entstanden sind, aufzuklären. Anfangs war das auch (zumindest als Lippenbekenntnis meines Chefs) „gar kein Problem“, er sagte sogar: „und auf die 2 oder 3 Gäste, die damit nicht klarkommen, können wir auch verzichten!“. Aber so nach und nach schlug die Stimmung um und ein möglicher Wechsel ins tatsächliche Geschlecht wurde plötzlich als geschäftlich völlig unmöglich gesehen. Er habe mit vielen Gästen über mich und meine Situation geredet und der einhellige Konsens sei: „der Kellner ist jederzeit gerne gesehen, aber als KellnerIN, DAS ginge ja wohl gar nicht…“

Da ich bei Gesprächen mit verschiedenen Gästen allerdings ein völlig gegenteiliges Feedback erhalten habe, hatte ich irgendwann einen (männlichen) Servicekollegen der aus dem Ort kam, auf diese Diskrepanz angesprochen und ihn gefragt „wie denn wohl die Stimmung bezüglich Hanna im Ort so sei“. Mit der Antwort die dann kam, hatte ich wohl am allerwenigsten gerechnet. Er sagte, „Ja, das würde wohl stimmen was mein Chef da zu mir gesagt hätte und außerdem wäre er selber auch einer Derjenigen gewesen, die meinem Chef dringend vom Switch abgeraten hätten, da er das als wirtschaftlichen Selbstmord für das Unternehmen betrachten würde“. Wer solche Kollegen hat, der braucht wohl keine Feinde mehr….

Es sind noch viele weitere kleine und auch größere Dinge passiert, die mir ein Verbleiben im Betrieb immer schwerer und schwerer machten! Die Anfeindungen mir gegenüber wurden, mal sehr subtil, mal ganz offen, immer mehr. Ich hatte im Betrieb nur noch 2 oder 3 Kolleginnen, die Verständnis für meine Lage hatten und auch weiterhin zu mir hielten. Von diesen Kolleginnen wurde das Verhalten, das mir im Betrieb so nach und nach entgegengebracht wurde, auch aufs Schärfste verurteilt. Allerdings nur mir gegenüber und nicht „öffentlich“. Natürlich fiel es mir dadurch immer schwerer, noch in diesen Betrieb zu gehen!
Zum einen durch die mir entgegenschlagende Stimmung (die mit Sicherheit auch noch durch meine entsprechende Gegenwehr immer schlechter wurde) und zum anderen durch das Bewusstsein, dass es für mich in diesem Betrieb also doch keine Zukunft als Frau gibt und ich es immer mehr als großen Zwang empfunden habe, noch als Mann arbeiten gehen zu müssen. Jeden Tag legte sich etwas wie eine große schwarze Glocke über mich, wenn ich mich wieder als Mann für die Arbeit verkleiden musste.
Im November letzten Jahres wurde der Druck und die Verzweiflung dann so groß, dass ich endlich entschieden habe, den Betrieb zu wechseln. Ich habe angefangen, im Internet und in den Printmedien nach passenden Stellenangeboten zu suchen. Dazu sei noch erklärt, dass ich in der Eifel wohne, d.h. die Infrastruktur ist per se eher schwach und als konservativ könnte man die Eifel wohl auch bezeichnen.

Die ersten Bewerbungen waren völlig ergebnislos, so dass ich im März dieses Jahres auch die Hilfe des Arbeitsamtes gesucht habe. Nach dem ersten Gespräch mit der zuständigen Sachbearbeiterin und mit Hilfe des Ergänzungsausweises war es auch überhaupt kein Problem, meine Daten auf „weiblich“ umzustellen.

So nach und nach gingen auch Stellenvorschläge ein, ein paar davon passten auch irgendwie halbwegs und auf diese habe ich mich dann auch sofort beworben. Um es kurz zu machen, ich erhielt nur Absagen und meistens nicht mal die. Meine Stimmung wurde immer schwärzer und die Verzweiflung wuchs von Tag zu Tag.

Erfolg brachte dann ENDLICH die einzige Initiativbewerbung, die ich geschrieben habe. Durch Umwege wurde ich auf die Möglichkeit einer Stelle im besagten Betrieb aufmerksam und habe dann auch sofort eine Initiativbewerbung rausgeschickt. Als ein paar Tage später das Telefon klingelte und ich den Operations-Manager am Telefon hatte, der mich fragte ob ich mir denn auch eine Stelle im Nachtdienst vorstellen könne, war ich zuerst nicht sooo begeistert. Als er ein wenig mehr in die Details ging (4-Nächte-Woche, jedes Wochenende, jeden Feiertag und jeden Brückentag frei) habe ich natürlich nicht mehr lange überlegt und wir machten einen Vorstellungstermin aus .

Bei diesem Termin glaubte ich wirklich, ich bin gerade im Himmel!!! Der O.M. war total begeistert, dass sich jemand mit meinen Qualitäten (Zitat) auf diese Stelle beworben habe. Er hätte kurz nach mir noch 2 weitere Bewerbungen erhalten (mittlerweile war die Stelle wohl ausgeschrieben!?), aber die hätte er sofort abgesagt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir nur telefonischen Kontakt. Wirklich der Hammer. Meine Transidentität wurde natürlich auch erwähnt, aber er meinte dass das nun gar kein Problem darstellen würde. Außerdem sei er persönlich auch bestens informiert, da seine Schwester auch mal auf dem Weg zum Mann gewesen sei, bevor sie feststellte, dass die „nur“ lesbisch ist. Noch mal der Hammer .

Wir haben uns dann auf eine „Probenacht“ geeinigt und die war wirklich toll. Alle Kollegen, die ich da kennenlernen durfte, waren supernett und auch die Arbeit roch nach viel Spaß.
Jedenfalls wurden wir uns dann sehr schnell einig und er schickte meine Unterlagen an den Mutterkonzern. Wie mir mitgeteilt wurde, wurde meine Einstellung im Konzern mit großer Begeisterung aufgenommen und die erst kürzlich ernannte Gleichstellungsbeauftragte möchte sich demnächst gerne ausführlich mit mir unterhalten .
Meine Kündigung habe ich im alten Betrieb natürlich sofort abgegeben und in Absprache mit meiner Hausärztin und meinem Psychologen die Krankmeldung sofort nachgereicht, da es mir keinen Tag länger mehr möglich gewesen wäre, dort noch weiter zu arbeiten.

Ich bin so unendlich glücklich, aus dieser Zwangslage endlich heraus zu sein und nicht nur das. Ich habe auch dazu noch einen Job gefunden, der alle meine Träume an das Arbeiten im Zielgeschlecht, die Arbeitszeit, Vergütung, Kollegen und Entfernung mit einem Schlag wahr werden lässt.

 

Ich könnte die ganze Welt umarmen!

 

Hanna

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