Aktuelle Artikel im Gendertreff Magazin

Pronomenwahl

Quelle: Kooperation Akademie Mode & Design Sonderausgabe fiftyfifty August 2015

Mit freundlicher Genehmigung des Autors: Robin Micha

Dieses Interview und Bericht entstand bei einem Selbsthilfetreffen in Leverkusen.

 

Stellen wir uns vor, wir wären geteilt. Die Seele fühlt sich im eigenen Körper nicht wohl. Wir müssen raus, wollen endlich wir selbst sein. Das klassische Geschlechtsbild teilt sich entzwei, und die eigene Identität schließlich auch. Am Ende steht dann vielleicht die Transformation, das neue Selbst entwickelt sich. Warum das Phänomen Transgender unsere Gesellschaft verändert.

Das Video beginnt. Eine junge Frau blickt mit großen Augen in die Kamera. Der Ton kratzt, das Bild ist körnig. „Das ist mein erstes Youtube-Video“, sagt sie langsam. Ihre Stimme ist rau, sie spricht zögerlich. Die Haare trägt sie kurz geschnitten, ein großes Tuch um den Hals. Im unteren Bildrand sind mit schwarzer Schrift ein paar Buchstaben eingeblendet: „Pre T, 2009“. T – das steht für Testosteron, die Essenz des Mannes. Acht Videominuten später ist die junge Frau ein Mann. Die Haare sind immer noch kurz, die Augen immer noch groß. Er trägt jetzt Bart, seine Arme sind muskulös. In der schwarzen Schrift steht jetzt „4 Years on T, 2013“ . „Hier ist Aydian“, sagt der junge Mann, „vier Jahre, wow, die Zeit vergeht wirklich verdammt schnell.“ Acht Videominuten, vier Jahre.

Mann, der – Substantiv: erwachsene Person männlichen Geschlechts. Beispiele: alle Mann an Bord, er ist Manns genug, seinen Mann stehen. Definition, Duden.

Die Welt der traditionellen Geschlechter gleicht dem Gang zur Restauranttoilette. Linke Tür: Herren. Rechte Tür: Damen. Jeden Tag müssen wir uns entscheiden. Im Fragebogen, bitte ankreuzen: männlich, oder weiblich? Menschen wie Aydian Dowling aus dem YouTube-Video stehen hier vor einem Rätsel. Statt einem könnten sie ganz viele Kreuzchen machen. Oder vielleicht einfach ein neues Feld eröffnen: Transgender.

Geschlecht, das – Substantiv, Neutrum. Gesamtheit der Lebewesen, die entweder männliches oder weibliches Geschlecht haben. Definition, Duden.

Sie oder Er? Welches Pronomen? Die komplexe Aufteilung einer Trans-Person ähnelt einem mathematischen Baumdiagramm. Für viele ist sie deshalb so schwer zu verstehen. „Gendertreff“ ist eine Selbsthilfegruppe für Transidente und Interessierte. Sarah und Hannah sind seit Jahren Mitglieder. Einmal im Monat treffen sie sich, über Nordrhein-Westfalen verteilt, um sich auszutauschen. Kaum ein Leben ist so sehr mit Vorurteilen und Missverständnissen konfrontiert. Dazu gehören auch bekannte Showstars. „Conchita Wurst und Olivia Jones, das sind Rollen, keine Menschen“, sagt Hannah, und schüttelt den Kopf. In Deutschland wird Transgender oft mit Transidentität übersetzt. Die Identität ist das, worauf es wirklich ankommt. Sie lässt sich jedoch noch unzählige Male aufsplitten. Sarah ist „Teilzeit-Frau“. Manche Tage lebt sie als Mann, manche als Frau. Ihre Ehe wurde nach 24 Jahren geschieden, mittlerweile ist sie wieder mit einer Partnerin glücklich. Hannah hingegen identifiziert sich als „Vollzeit-Frau“. Ein männliches Facebook-Profil hat sie nicht mehr. Nach 32 Jahren als Mann in der Gastronomie wird sie nun ihren ersten Job als Frau antreten. Stark vereinfacht könnte man sagen: Hannah wurde als biologischer Mann mit einem weiblichen Gehirn geboren. Zu sich selbst hat sie erst vor knapp zwei Jahren gefunden. „Der Moment der Selbsterkenntnis ist das Wichtigste. Wenn der Stein einmal ins Rollen gebracht wurde, hältst du ihn nicht mehr auf.“

Geschichten wie die von Hannah und Sarah gelangen immer mehr in die Öffentlichkeit. In den letzten Jahren ist die Medienaufmerksamkeit rund um das Thema enorm gestiegen. 2014 produziert der Online-Gigant amazon mit „Transparent“ eine Serie über die Familie Pfefferman, deren Vater mit 68 sein Coming-Out als Transfrau hat. Die zehn Folgen der ersten Staffel beschreiben eine hochemotionale Geschichte von Vertrauen, Identität und Zusammenhalt. „Transparent“ zeigt Hauptdarsteller Jeffrey Tambor zwar als klassischen Mann mit Perücke und lackierten Nägeln, bleibt jedoch sonst ohne die üblichen Klischees. Auch die deutschen Medien beginnen langsam, sich dem Thema Transgender zu nähern. Im April 2015 bringt die ARD mit „Mein Sohn Helen“ den ersten Film über eine Transjugendliche hervor. Heino Ferch mimt den geschockten Vater, während Jungschauspieler Jannik Schumann in der Rolle von Finn bzw. Helen brilliert. Die Präsenz in der ARD macht Hoffnung. „Normalerweise findet man gute Beiträge nur bei kleineren Sendern. Bei RTL 2 werden nur schrille Beispiele genommen, Menschen wie Sarah oder ich haben da nichts zu erzählen“, findet Hannah. „Mein Sohn Helen“ fand sie aber gut. „Da habe ich mir wirklich gedacht: Hut ab, ARD.“

Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis alles dieses geschehen ist. Matthäus, 24,34

Schwul-lesbische Coming Outs waren gestern. Heute stehen immer mehr Menschen zu ihrer wahren Identität. Dennoch hat Transidentität nichts mit der Sexualität zu tun. Sarah schmunzelt, wenn sie an die schnellen Vorurteile denkt. „Die wenigsten Transidenten sind schwul“. Für Hannah gibt es noch einen weiteren Unterschied. „Schwule und Lesben sind mittlerweile fast akzeptiert. Sie rütteln nicht mehr am System der Gesellschaft. Wir Trans-Personen brechen dieses System jedoch komplett auf.“

In den USA ist Caitlyn Jenner die neue Galionsfigur der Community. Dem einen mag sie als Bruce Jenner, olympischer Superstar der 80er-Jahre, bekannt sein, dem anderen als Stiefvater der Reality-TV-Königin Kim Kardashian. Auch Jenners Geschichte verhilft der Transgender-Community zu einer enormen medialen Aufmerksamkeit. Die Mitglieder des Gendertreffs sind dennoch skeptisch. „Caitlyn Jenner zeigt, was man mit einer Menge Geld machen kann.“ Schönheits-OPs, Operationen im Allgemeinen, sind Angleichungen, keine Bedingung zum Glücklichsein, findet Hannah. Das Wichtigste ist die Selbsterkenntnis. Denn erst wer zu sich selbst steht, kann offen leben. „In dem Moment, wo es bei mir im Kopf „klick“ gemacht hat, haben 40 Jahre im Rückblick Sinn ergeben.“

Frau, die – Substantiv: erwachsene Person weiblichen Geschlechts, Hausherrin, Dame. Definition, Duden.

Während Teile der Vereinigten Staaten im Vormarsch-Gedanken schwelgen und sogar von einer neuen „Bürgerrechtsbewegung“ gesprochen wird, ist die Realität brutaler. Immer noch endet die Suche nach der eigenen Identität für viele Teenager im Suizid. Auch Sarah hatte in ihrer Jugend Depressionen. Die immerwährende Unstimmigkeit kann eine enorme Belastung sein, besonders wenn man sie nicht zuordnen kann. „Ich glaube, dass manche Menschen sich umbringen, weil sie sich selbst nie erkannt haben.“, stellt die Grafikdesignerin fest.

Ein tragisches Beispiel ist der Fall Leelah Alcorn. Im Dezember 2014 entscheidet sich die 16-Jährige für den Freitod auf dem Freeway. Von Freiheit konnte bei Leelah jedoch nicht die Rede sein. Die Eltern sind hoch religiös, nehmen das Transgender-Mädchen weiterhin als ihren Sohn Joshua Ryan wahr. Die einzige Zuflucht findet Leelah im Internet. Dort endet auch ihre Geschichte. Den Abschiedsbrief veröffentlicht sie auf ihrem Tumblr-Blog, programmiert für den Moment, indem der Truck auf dem Freeway ihren Körper ergreift. Hannah und Sarah stammen aus einer Generation, die noch ohne Internet auskommen musste. Sie sind dankbar für das Internet, für die Aufklärung, für die Erkenntnis, nicht allein zu sein. Dass im Internet alles in Lichtgeschwindigkeit verläuft, macht ihnen trotzdem Sorgen. „Bei Facebook gibt es Gruppen, mit sehr jungen Menschen, da geht es nur um Fakten. Was antwortet man beim Gutachter, wann ist der erste OP-Termin, zack, zack, zack. Man sollte erst einmal selbst mit der Entwicklung fertig werden“.

Wer bis zum Ende durchhält, hat immer noch einen langen Weg vor sich. Hannah steht jetzt, wo sie eine neue Stelle gefunden hat, nichts mehr im Wege. Für sie ist eine schnelle Operation nicht von Bedeutung. „Die OP ist für mich eine Möglichkeit, die ich nicht ausschließe, aber kein Muss.“ Wer weiß, ob sie so weit geht. Als nächstes steht erst einmal die Namensangleichung an, die bürokratische Seite der zwei Seelen. Hier hagelt es Vorraussetzungen und Bedingungen. Der so genannte „Alltagstest“ besagt, dass eine Person mindestens zwei Jahre lang in ihrem gewünschten Geschlecht gelebt haben muss. Hannah jedoch hat diesen schon längst bestanden. „Für mich ist das kein Test. Für mich ist das Leben.“

 

Quelle: Kooperation Akademie Mode & Design Sonderausgabe fiftyfifty August 2015; Robin Micha

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