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Nicoles Coming-out am Arbeitsplatz

Quelle: Bayer AG
Autorin: Nicole

 

Transgender bei Bayer:
Nicole wurde im Körper eines Mannes geboren, fühlt sich aber als Frau – und das schon seit der Kindheit. Arbeitgeber Bayer unterstützte das Outing der Chemotechnikerin.

 

Am Tag vor dem Urlaub war sie im Job noch Thomas gewesen – in Hemd und Hose. Aus dem Urlaub zurück kam sie als Nicole. Sie trug eine gemusterte Bluse, eine schwarze Strickjacke, flache Hochfrontpumps, ein Kettchen, die langen Haare offen und war dezent geschminkt. „Die Kollegen haben schon geguckt“, erinnert sich Nicole an Ende März 2014 zurück, als bei Bayer in Dormagen aus einem Kollegen eine Kollegin wurde. Aber die Resonanz war positiv. Sie selbst fühlte sich vor allem befreit.

Nicole ist transident. Im Körper eines Mannes geboren, fühlt sie sich aber als Frau. Beruflich arbeitete sie trotzdem als Chemotechniker im Labor bei Bayer in Dormagen viele Jahre weiterhin als Thomas. Dabei wurde sie zunehmend depressiver.

Familie und Freunde wussten zu diesem Zeitpunkt schon Bescheid, was in ihr vorgeht. Privat lebte sie schon ein paar Monate als Frau. Zur Arbeit ging sie aber noch als Mann. „Es fühlte sich wie Verkleiden an und war immer schwerer zu ertragen.“ Dann wurde ihr klar, dass sich etwas ändern musste.

Über die Jahre hatte sie Kontakt zur Selbsthilfegruppe Gendertreff e.V.. Dort hatte man ihr geraten, im Unternehmen Leute zu suchen, die beim Outing unterstützen können. Bei Bayer sprach sie zuerst den Sozialberater an, dann den Werksarzt und schließlich den Betriebsratsvorsitzenden. „Wir haben uns zu dritt getroffen und uns beraten. Der nächste Schritt war dann, meine Vorgesetzten und die Personalabteilung zu informieren.“

Am Ende dieser Treffen stand ein Schreiben, das die Verantwortlichen gemeinsam verfassten. Es ging per eMail an die Mitarbeiter raus, während Nicole ein paar Tage Urlaub hatte: „Herr Thomas L. hat uns mitgeteilt, dass er sich hinsichtlich seiner geschlechtlichen Identität als Frau fühlt und privat bereits so lebt. Er wird ab jetzt diese Identität auch am Arbeitsplatz leben als Frau Nicole L..“ Man wünsche alles Gute in dieser neuen Lebenssituation und erwarte ein korrektes Verhalten im Umgang.

Damit Kollegen die Gründe nachvollziehen konnten, schrieb Nicole einen offenen und persönlichen Brief. Sie schrieb unter anderem: „Mein Leben lang schlummerte etwas in mir, was mir früher auch nicht klar war, aber was ich endlich zulassen kann.“ Schon als Kind fühlte sich Nicole nicht wohl, sie fühlte sich nicht als Junge – nicht als Thomas.

Thomas möchte Ballett machen, aber die Eltern erlauben es nicht. Vom Taschengeld kauft er heimlich Mädchensachen und versteckt sie im Inneren eines hohlen Lautsprechers. Immer wieder nimmt er sich vor, „normal zu werden“, der gute Junge zu sein, den die Eltern sich wünschen. Schließlich entsorgt er alle seine Schätze.

Bei der Bundeswehr lebt er als Mann, der insgeheim Frauenkleidung unter der Uniform trägt. Später, im Labor bei Bayer, lernt er eine Frau kennen. Die beiden kommen sich näher und heiraten.

Während der Hochzeit denkt er, dass er jetzt lieber das Kleid seiner Frau tragen würde – und nicht den Anzug. Das Paar bekommt einen Sohn, die Ehe geht auseinander. Plötzlich ist er alleinerziehend mit Kind. In einem Chat für Alleinerziehende lernt er eine neue Frau kennen. Sie hat auch einen Sohn – die vier werden eine Patch-Work-Familie.

Im Jahr 2004 sieht Thomas zufällig eine Sendung über Transgender und Transsexualität – erst jetzt versteht er, was mit ihm los ist. Er recherchiert im Internet, will mehr erfahren. Am nächsten Tag geht seine Frau an den Computer. Die Suche nach der Magnetschwebebahn Transrapid spuckt den Begriff „transsexuell“ aus und mit ihm jede Menge Sex-Seiten.

Sie ist empört. Es kriselt. In einem langen Brief erklärt er ihr, was er fühlt – zum Glück kann sie ihn verstehen und die Beiden bleiben zusammen und heiraten sogar. Doch die Sache bleibt viele Jahre ein Geheimnis. Er nimmt psychologische Hilfe in Anspruch und unterdrückt seine Gefühle; gleichzeitig wird er zunehmend depressiver.

„Es fehlte nicht viel zur Katastrophe“, sagt Nicole heute. Immer öfter sei ihr sogar der Gedanke gekommen, sich das Leben zu nehmen. In dieser Zeit macht das Paar das erste Mal alleine ohne die Kinder Urlaub. Geplant war, mit Frauenkleidung zu verreisen und vor Ort für ein paar Wochen Frau sein zu können. Aber er nahm nichts mit: Er wollte seine Frau nicht belasten. Sie aber wird sauer und fragt: „Was wäre unsere Ehe wert, wenn ich das nicht aushalten würde?“

Die beiden reden viel und lange. Sie beschließen, es sei Zeit, Familie und Freunde einzuweihen. Die Söhne nehmen es gelassen, Freunde zum Teil auch. Seine Frau liebt ihn wie „sie“ ist – liebt den Menschen auch als Nicole. Und Nicole sagt: „Da erkennt man erst, wer wahre Freunde sind.“

Die Metamorphose – aus Thomas wird Nicole

Es folgen Röcke und Schminke im privaten Umfeld, mit 48 Jahren eine Hormontherapie, der neue Name auch in den amtlichen Papieren, das Coming-out am Arbeitsplatz und schließlich eine geschlechtsangleichende Operation.

Das Outing am Arbeitsplatz – wie schwierig war es rückblickend: „Ich war schon aufgeregt, wusste nicht, wie die Kollegen reagieren“, sagt Nicole, die heute aktiv bei BLEND mitarbeitet. „Aber was wäre denn meine Alternative gewesen? Ich bin dankbar, dass Bayer mich auf diesem Weg unterstützt hat.“

 

LGBT bei Bayer

Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Trans*: Bayer sieht LGBT als Teil der Unternehmensvielfalt. Wer anders denkt und fühlt, bringt neue Perspektiven ins Team und trägt dazu bei, außergewöhnliche und noch bessere Lösungen für Kunden zu erarbeiten. Das Netzwerk BLEND bringt LGBT-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter und ihre Unterstützer zusammen.

 

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