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In kleinen Schritten, mein Weg zum Ich: 10-2011

Heute Donnerstag, 6.10., wurde ich noch einmal ins Personalbüro gerufen um mir das Anschreiben der Geschäftsleitung an zu sehen. Darin wird darauf hingewiesen sich meinen offenen Brief sorgsam durchzulesen und Toleranz und Akzeptanz walten zu lassen. Diskriminierende Äußerungen werden rigoros geahndet. Diese eMail wird von meinen Chefs, der Personalchefin und dem Präsidenten des Unternehmens unterschrieben, der auch zwischendurch informiert wurde.

Ein Blick – ein Griff – im Briefkasten liegt ein Schreiben vom Amtsgericht Düsseldorf. Ich habe am 18.10. um 11:00 Uhr zu erscheinen. Gerne und ich werde pünktlich sein.

Bin ich auch – überpünktlich aber frau weiß ja nicht, wie lange die Schlange vor den Kontrollen ist, außerdem hat das neue Amtsgericht ein Parkhaus, also entfällt die Parkplatzsuche. Kurz nach elf werde ich mit „Frau“ aufgerufen und in das Besprechungszimmer gebeten. Eine kurze Belehrung, Anhörung und Smalltalk folgen und schon wird das „Verfahren“ eröffnet und die beiden Gutachter angeschrieben. Auch hier wird mir jegliche Hilfe angeboten, z.B. wenn es sich unnötig verzögert. Nach ca. 15min. bin ich schon wieder auf dem Weg zum Fahrstuhl.

Folgende Unterlagen hatte ich beim Amtsgericht eingereicht:

– Meldebescheinigung
– meinen transsexuellen Lebenslauf
– Chronik meines transidenten Lebens
– Kopie meines Personalausweises
– Kopie meiner Geburtsurkunde
– Kopie DGTI-Ausweis
Flyer
– Kopie des Berichts des Neurologen
– Kopie des Berichts der Gynäkologin
– Kopie des Berichts des Endokrinologen
– Kopie des Berichts der Therapeutin

Gleich kann ich noch meinen Termin beim Endokrinologen wahrnehmen, wo wieder Blutdruck gemessen und Blut abgenommen wurde. Ich habe jetzt eine „Profipackung“ Hormone verschrieben bekommen, bleiben aber bei 2mg am Tag, denn es muss ja nichts übertrieben werden. Wenn alles weiter gut läuft, sehen wir uns erst nächstes Jahr wieder.

Doch noch einen Brief vom Endokrinologen bekommen, worin steht, dass die Blutwerte weiterhin gut sind und sich die Leber in der Gegend herum räkelt. Um den „Beelzebub“ stärker zu vertreiben, wird die Hormondosis auf 4mg pro Tag erhöht. Okay also eine 2mg morgens und eine 2mg abends. Bluttest dann im Januar 2012.

Nun noch Termine mit den Gutachtern machen.

Mein letzter Arbeitstag als Mann. Es ist Donnerstag 10:00 Uhr und der Betriebsrat tagt. Am Ende der Sitzung klingelt mein Telefon und ich werde dazu gerufen. Nach meiner Erzählung kam nur Zustimmung, Respekt und es wurde volle Unterstützung bekundet. Auch hier also keinerlei Probleme und so konnte ich gestärkt in das 14:00 Uhr Teammeeting gehen, denn einige im Team wussten es natürlich auch noch nicht. Auch hier bekomme ich volle Unterstützung und einige hatten sich so etwas auch schon gedacht.

Kurz nach 15:00 Uhr machte ich dann ausnahmsweise Feierabend, um in den Kurzurlaub zu gehen, aber nicht ohne die Personalchefin zu informieren, dass sie nun die eMail an die komplette Belegschaft abschicken könne. Dies hatten wir vorher so abgesprochen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
beigefügt möchten wir Ihnen heute einen offenen Brief Ihres Kollegen übersenden. Bitte nehmen Sie sich die Zeit, um diesen in Ruhe zu lesen. Wir möchten unterstreichen, dass die Firma die Entscheidungen und die kommenden Änderungen voll mitträgt und unterstützt. Auch Sie möchten wir alle bitten, das Thema mit Respekt und Toleranz zu behandeln. Wir möchten an dieser Stelle ausdrücklich betonen, dass die Firma in diesem Sachverhalt keine Diskriminierung akzeptieren wird.

Wir hoffen auf Ihr Verständnis und danken – auch im Namen Ihres Kollegen – für Ihre Unterstützung.

Mit freundlichen Grüßen
Präsident, Personalchefin, Abteilungsleiter, Teamleiter

[Offener Brief im Anhang]
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
viele von Ihnen kennen mich als langjährigen Mitarbeiter der Firma. Ich bin gerne in diesem Unternehmen tätig und hatte im Juli dieses Jahres mein 10-jähriges Dienstjubiläum. Was Sie nicht wissen konnten und können, ist wie es in mir aussieht. Mein Leben lang schlummerte etwas in mir, was mir früher auch nicht klar war, aber ich endlich seit 2004 zulassen kann.

Ich bin Transsexuell und lebe privat seit meinem Outing 2004 fast ausschließlich nur noch als Frau, seit Anfang dieses Jahres zu 100%. Hier im Unternehmen verkleide ich mich quasi als Mann. Durch eine Therapeutin erfahre ich professionelle Unterstützung. Meine Familie und Freunde stehen zu mir und unterstützen mich. Ganz wichtig für mich ist es, dass meine Frau und mein Sohn auch die weiteren Schritte mittragen werden.

Die AGG-Beauftragte und der Betriebsrat, sowie die Personalabteilung und direkten Vorgesetzten sind unterrichtet, dass ich in Zukunft als Frau hier meine Tätigkeit weiter ausüben werde. Auch dieser offene Brief entstand in einvernehmlichen Gesprächen. Der Antrag zur Personenstandsänderung wurde beim Amtsgericht Düsseldorf eingereicht und es bedarf nun noch einiger Gutachten und Formalitäten, bis die Änderung rechtskräftig ist.

Die meisten von Ihnen werden sich mit diesem Thema noch nicht auseinander gesetzt haben, deshalb müssen wir uns gegenseitig die Zeit nehmen und geben, um sich aneinander zu gewöhnen. Gerne stehe ich für Fragen zur Verfügung.

Ich hoffe, dass das gute kollegiale Verhältnis zu Ihnen weiter bestehen bleibt und Sie mich als Frau genauso akzeptieren wie vorher als Mann. Sie werden eine ausgeglichene Kollegin bekommen, aber ich werde der gleiche Mensch bleiben wie vorher.

Ich freue mich auf weitere Jahre der Zusammenarbeit.

Vielen Dank
Xenia
[/Offener Brief]

Das war dann also mein letzter Arbeitstag als Mann und am 2. November wird Xenia den Job übernehmen. Natürlich werden die letzten Stunden als Mann noch mit Familie und Freunden gefeiert, denn wer behauptet es wäre keine Veränderung im Leben, der lügt oder hat die Veränderung nicht wahrgenommen.

Das lange Wochenende habe ich unter anderem fürs Umräumen in meinem Kleiderschrank genutzt. Die Männersachen flogen raus und machten Platz für die weibliche Kleidung, so dass man endlich mal wieder was auf Anhieb findet. Bei aller Euphorie und Glücksgefühlen ist es ja doch schon ein seltsames Gefühl.

Körperlich schreitet es auch weiter voran, was sich nicht mehr verbergen lässt, aber das ist ja auch nicht gewollt.

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