Aktuelle Artikel im Gendertreff Magazin

Mein Leben als Frau – viel mehr als ein Alltagstest

Autorin: Svenja

Nun will ich schon seit einer Ewigkeit wieder berichten. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.
Einige Erlebnisse habe ich inzwischen schon stichpunktartig aufgeschrieben. Die wollen „nur“ noch ein bisschen in Form gebracht und gepostet werden. Mir fehlt jedoch einfach die Zeit. Oder besser, die Zeit fehlt mir nicht. Ich setze sie nur anders ein. Ich lebe jetzt einfach mal und nutze die Gunst der Stunde mein bisher verkorkstes Leben zu ordnen, Kontakt mit alten Freund_innen und Bekannten, Verwandten und Kund_innen zu pflegen. Neue Menschen kennenzulernen. Das Gendertreff-Forum vergesse ich dabei nicht. Dem Forum bzw. den Menschen dort verdanke ich sehr viel! Darum sage ich jetzt mal „Vielen herzlichen Dank, liebe Forianer_innen!“

Heute möchte ich einmal erzählen wie es mir aktuell so geht. Seit 2015 lebe ich als Frau und vertrau(t)e mich nach und nach Familie, Verwandtschaft, Nachbarn, Kunden und weiteren an. Die Reaktionen der Menschen in meinem Umfeld sind durchweg positiv.

Das erklärt auch, warum es mir grundsätzlich unheimlich gut geht. Es gibt natürlich täglich irgendwelche Probleme und Aufgaben zu erledigen, die jedoch nichts mit meiner Transidentität zu tun haben. Oder zumindest nicht direkt.
Zum Beispiel habe ich viel aufzuarbeiten, das zum Teil jahrelang liegen geblieben ist. Meine Identitätsprobleme und die daraus entstandenen Gesundheitsdefizite hatten mich dermaßen herunter gezogen, dass ich keine Kraft mehr hatte wichtige Aufgaben in meinem Leben anzugehen.
Da kam eine stattliche Liste wichtiger Dinge zusammen. Diese ganzen Baustellen und Horrorszenarien kann ich heute bewältigen. Ich lebe wieder und habe Kraft für vieles, das mich früher hoffnungslos überforderte!

Seit ich erkannt habe tatsächlich eine Frau zu sein und, was noch viel wichtiger ist, als die Frau, die ich offenbar schon immer war, zu leben, ist fast alles in Ordnung. Natürlich bringt das neue Leben viele neue Herausforderungen mit und kostet auch Zeit und Geld. Schon alleine mein Gesicht einigermaßen fraukonform zu gestalten ist eine tägliche Herausforderung. Der Bartschatten und das Rasieren schaffen mich. Ich bin auch schon immer zu doof zum Rasieren und verletze mich ständig dabei.
Naja, rasiert, mit etwas Camouflage, Puder, Cajal und dezentem Lippenstift gehe ich als Fünfzigjährige durch und kann mich selbst im Spiegel gut ertragen. Oft freue ich mich sogar regelrecht, weil ich so hübsch aussehe. Klingt vielleicht merkwürdig. Natürlich bin ich nicht wirklich hübsch. Nur relativ zu manch anderen Frauen. Oh, das hört sich vielleicht überheblich an!

Letztens war der 96. Geburtstag meiner lieben Omi. Sie ist eine großartige Frau. Einige ihrer Aussagen sind: „Meine Svenja habe ich genauso lieb wie meinen Schwenni vorher!“ Oder: „Es ist ein Wunder, dass ich das noch erleben darf! Man hat ja schon davon gehört. Aber in der eigenen Familie … das ist so schön.“ und „Ich habe das natürlich schon gemerkt. Aber ich kann ja hier nichts sagen. Die hätten mich für verrückt erklärt.“
Es waren einige Verwandte bei der Feier. Alle waren sehr herzlich zu mir. Meine Tante und mein Onkel drückten mich zur Begrüßung (die anderen natürlich auch, ich drückte zurück) und sagten mir, wie gut ich aussehen würde. Das hat mich sehr gefreut und stolz gemacht. Später, im Gespräch mit meiner Tante, bemerkte ich, dass unser fürsorglicher Staat es gerne sieht, wenn unsereins einen sogenannten Alltagstest macht und so kommt es, dass ich wie eine Vogelscheuche herumlaufe. Meine Tante musste spontan lachen und sagte, dass ich absolut nicht so aussähe und rüber käme. Ich sähe toll aus und hätte Stil. Das hat mich natürlich wahnsinnig gefreut und ich habe sie dafür gedrückt. Während meines Mann-Experiments oder schon als Kind (das laut den anderen ja männlich sein sollte) hatte ich es nicht so mit dem Drücken. Ein richtiger Mann zeigt ja schließlich keine Gefühle!
Mein Cousin, 40, meinte ich hätte mich etwas verändert. Die Haare sind nun länger. Ich verstand den Scherz nicht und meinte, es gab auch noch ein paar andere Veränderungen. Er sagte, das wüsste er doch, sollte ein Joke sein. Er wollte nicht direkt auf meine Transidentität eingehen, weil er wusste, wie ich die meiste Zeit meines Lebens gelitten haben muss. Das fand ich sehr beachtlich und feinfühlig von ihm. Das hat mich sehr gefreut.

Überhaupt habe ich unheimlich Glück mit meiner Familie und den Menschen in meinem Leben. Mit Fremden gibt es auch praktisch nie Probleme. Hm, ganz von selbst kommt das natürlich nicht. Ein altes Sprichwort lautet: „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.“ Früher habe ich das nicht so richtig kapiert. Im Prinzip bedeutet es: „Dein Leben ist das, was du daraus machst!“ Und er der Spruch: „Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus!“ ist auch nicht ganz unwichtig im Umgang mit unseren Mitmenschen.

Ich habe inzwischen mit vielen Menschen gesprochen und werde von alten Bekannten und Kunden mit Respekt behandelt. Bei einigen alten Freunden ist das plumpe Kumpelhafte gewichen. Sie verhalten sich mir gegenüber irgendwie erwachsener. Sie behandeln mich respekt- und würdevoll. So wie man andere Menschen eigentlich behandeln sollte. Das war nicht immer so. Für viele war ich der kleine dumme Svenni, der schon nichts sagen wird, wenn sie mich mit ihren Aufgaben bedachten. Allerdings hat mein Helferinnensyndrom mich oft nicht „nein“ sagen lassen. Nur mir selbst konnte ich nicht helfen! Das ist heute anders. Ich habe einen halbwegs gesunden Egoismus entwickelt.

Ich bin aber auch endlich selbst erwachsen geworden! Ein Gefühl, dass ich seit Jahrzehnten vermisst habe. Ich bin heute eine erwachsene, selbstbewusste, freundliche Frau, die sich ein bisschen ihre Kindlichkeit bewahrt hat.

Bis zu meinem 20sten Lebensjahr war ich die größte Antialkoholikerin und Nichtraucherin. Doch dann kam ich zur NVA, der Armee der DDR. Damals gab es keine Alternative dazu. Waffen waren auch nie mein Ding.
Na, jedenfalls habe ich bei der Armee angefangen zu rauchen und zu trinken. Das Rauchen habe ich schon vor 18 Jahren besiegt. Ich habe es gehasst. Aber was machen echte Kerle nicht alles! Alkohol hat mich jedoch bis 2015 begleitet. Zeitweise bis zu 4 Flaschen Bier pro Abend. Es hat mich betäubt. Auch das habe ich gehasst. Aber es hatte scheinbar einen positiven Effekt: Ich konnte mich entspannen.
Seit ich die Frau bin, die ich bin, brauche ich keinen Alkohol mehr. Ich habe nicht das geringste Verlangen danach. Es ist verrückt. Es ist für mich viel schöner bewusst mein Leben zu erleben. Ich trinke jetzt gelegentlich ein Glas Rotwein zum Essen oder ein Biermischgetränk. Das mache ich ganz bewusst und genieße es. Ich brauche einfach keine Drogen mehr, um zu leben. Die einzigen „Drogen“ die ich mir gönne, sind die Glücksgefühle, die mich immer wieder daran erinnern, wie schön es ist nicht mehr in einer Rolle gefangen sein zu müssen, die ich nie ausfüllen konnte und wollte.

Letztes Jahr lernte ich Jenny kennen. Eine der insgesamt 4 Transfrauen, die ich mittlerweile in meiner Stadt kenne. Sie gab mir den wertvollen Tipp zu dem Doktor in der Leipziger Uniklinik zu gehen. Er ist unter anderem einer der zwei Gutachter, welche vom Amtsgericht Halle (Saale) anerkannte „Trans-Versteher“ sind. Er fragte mich (sinngemäß) was ich bei ihm wolle. Ich meinte es wäre eine schöne Idee ihn mal zu besuchen, da ich meine Vornamens- und Personenstandsänderung angeschoben und erfahren habe, dass er einer der beiden Gutachter sein wird. Er bejate es. Wir sprachen über meine Kindheit, meine Vergangenheit, meine Veränderungen der letzten Jahre und dass zum Beispiel alle meine Gesundheitsprobleme, die ich seit 8 Jahren mit meiner Allgemeinmedizinerin und ein paar Spezialisten nicht in den Griff bekam, weil ich nach deren Aussagen körperlich völlig gesund war, nun weg sind.
Der Trans-Spezialist hatte es jetzt natürlich leicht bei seiner Diagnose. Es war der Leidensdruck! Er sagte, dass das alles psychosomatisch war. Die Psyche hat jahrelang versucht auf sich aufmerksam zu machen. Da ich jetzt erkannt habe was los ist und nicht mehr leide, hat sich alles in Wohlgefallen aufgelöst. Er meinte auch, dass er normalerweise eine begleitende Psychotherapie anbietet. Bei mir wäre das alles jedoch so eindeutig und ich so gefestigt, dass er das nicht für nötig hält. Nur die Krankenversicherungen würden wohl darauf bestehen, falls ich z.B. eine geschlechtsangleichende Operation machen lassen wollte. Nachdem ich gefühlte 700 Fragen beantwortet hatte, bekam ich bei unserem nächsten Termin schriftlich von ihm, nicht verrückt zu sein.
Er gab mir ein Schreiben mit, welches mir Mann-zu-Frau-Transsexualismus, F64.0 bescheinigt und meinem Endokrinologen empfiehlt eine Hormontherapie zu beginnen.
Nach wochenlangem erfolglosem Herumtelefonieren hatte ich Glück einen Endokrinologen in Köthen zu finden, der sogar auch noch Trans-Erfahrung hat! Besser geht es nicht. Die Menschen dort in der Praxis sind auch unheimlich toll. Sie reden mich von Anfang an richtig an, obwohl meine Karte und Daten noch auf den alten Namen lauten.

Heute bin ich in der 4. Woche meiner Hormonersatztherapie (HET). Und ich fühle mich sehr gut damit! Das Androcur hat nach kurzer Zeit Ruhe zwischen den unteren Extremitäten einkehren lassen. Ich liebe das! Ich habe keine Nebenwirkungen von den beiden Medikamenten. Weder von den 10 mg des chemischen Kastrierers noch von den 2 mg Gynokadin täglich. Zurzeit ist alles oral. Das Östrogen soll nach dem Einschleichen auf ein Pflaster umgestellt werden.
Ich finde es schon ziemlich suboptimal, nun jeden Tag Pillen zu essen. Habe ich ja fast 50 Jahre erfolgreich verhindern können. Aber was macht man nicht alles, um schön zu sein! (Scherz!). Auf jeden Fall ist die Ruhe im Schritt schon ein deutlicher Gewinn an Lebensqualität. Was hat mich das Gewebe bisher jeden Tag richtig böse gestört. Jetzt ist es mir fast egal. Eines Tages wird es ganz weg sein.

Der Rest wird sich ergeben. Ich mache mich da nicht verrückt. Mir ist es wichtiger in meinem Umfeld als Frau akzeptiert zu sein als z.B. mit großer Brust zu glänzen. Der Bartschatten ist zwar echt blöd, aber andere Frauen haben auch Bartprobleme. 2015 habe ich eine Kundin in einer Autowerkstatt gesehen, die hatte einen richtigen Oberlippenbart. Ist sie deswegen weniger Frau?
Der Endo frug mich, ob ich es denn schon mal mit IPL versucht hätte. Als ich ihm zu verstehen gab, schon 6 Sitzungen hinter mir zu haben und schon allerhand Bart zugesetzt habe, meinte er, dass der ja ganz schön hartnäckig wäre, die HET aber nicht viel daran ändern dürfte. Naja, was soll’s. Ich besuche meine IPL-Behandlerinnen gern. Dort bin ich eine ganz normale Frau mit Bart.

Natürlich ist das Leben für Menschen wie uns, die wir – wie es so schön heißt – im falschen Körper geboren wurden, nicht immer ein Ponyhof!
Mit der Transition warten viele neue, aber meist lösbare Aufgaben auf uns. Für mich kann ich sagen: Es lohnt sich!
Für mich wäre es keine Lösung gewesen, weiter zu versuchen den Mann zu geben, der ich noch nie war. Es fühlt sich so unheimlich gut, natürlich und selbstverständlich an endlich ich sein zu können. Und ich bin stolz auf mich. Ich habe keine Angst vor der Zukunft. Ich fühle mich in Deutschland gut aufgehoben, selbst wenn es noch einiges an der gesetzlichen Situation der Trans*Menschen zu verbessern gibt.

Svenja

>> Inhaltsverzeichnis