Aktuelle Artikel im Gendertreff Magazin

Wie erklärt man jemandem Transidentität, der keine Ahnung davon hat

Autorin: Hanna

Wie erklärt man jemandem Transidentität, der keine Ahnung davon hat? Diese Frage habe ich mir schon länger gestellt und das hier soll der Versuch einer Antwort sein:

Wie beginnt man am besten?
In unseren Köpfen ist eine scheinbare Tatsache felsenfest einzementiert:
Es gibt entweder Männer oder Frauen und nichts dazwischen!
Das ist auch gesellschaftlich zu 100% anerkannt! Obwohl es tatsächlich FALSCH ist!

Das Geschlecht ist nämlich in der Natur keine feststehende Sache. Bei verschiedenen Tierarten sind die Nachkommen nicht von Anfang an männlich oder weiblich. Es hängt vielmehr von der Umwelt ab, wie sich die Kleinen entwickeln.
Manche Meerestiere können ihr Geschlecht sogar nachträglich verändern. Wird aus einer Gruppe von Putzerlippfischen das einzige Männchen entfernt, verwandelt sich innerhalb von ein paar Stunden das größte Weibchen in ein Männchen und übernimmt das Revier. Entenmuscheln bestimmen ihr Geschlecht selbst. Sie wählen immer das Gegenteil von ihren Nachbarn.
Sie sehen also, es gibt diese absolute Teilung gar nicht wirklich! Allerdings hilft diese Teilung uns, unser Gegenüber besser einzuordnen und damit bestimmte Verhaltensmuster in uns selber auszulösen. Das war in der Morgendämmerung der Menschheit gewiss sehr hilfreich, aber ob wir diese strikte Teilung heutzutage, als aufgeklärte Gesellschaft, überhaupt noch aufrechterhalten können?

Wir bekommen öfters zu hören dass wir Transfrauen wohl als Mann keinen Erfolg gehabt haben und es nun deswegen als Frau versuchen. Bitte verzeihen Sie wenn ich darüber nur lachen kann!
Ist irgendjemand hier, der es sich ernsthaft vorstellen kann, er wäre im anderen Geschlecht erfolgreicher als im Eigenen? Irgendjemand, der überhaupt den Wunsch verspürt, das Geschlecht dauerhaft zu wechseln? Sehen Sie! Falls es doch jemanden hier im Raum gibt, der plötzlich ins Grübeln kommt, so können wir uns gerne im Anschluss mal in Ruhe unterhalten…

Aber wie kommt es überhaupt zu diesem „Gefühl“, das man ein anderes Geschlecht hat, als dass das der Körper eigentlich sagt?
Die Erklärung, die für mich am einleuchtensten war und die ich persönlich durch meine Erfahrungen bestätigen kann ist die, dass das Gehirn eben das andere Geschlecht hat. Das klingt jetzt vielleicht für den ein oder anderen unglaublich, aber wenn wir uns mal anschauen, was die Natur in großer Regelmäßigkeit als „sogenannte Anomalien“ hervorbringt, dann ist das gar nicht so abwegig.
Ich will jetzt auf keinen Fall wissenschaftlich werden, aber die Forschung ist heute schon soweit das es als Tatsache anzunehmen ist!
In der 7. Schwangerschaftswoche wird das sogenannte Gehirngeschlecht festgelegt. Zu dieser Zeit ist aber überhaupt noch nicht klar in welche Richtung der Fötus sich wohl entwickelt, denn das körperliche Geschlecht wird erst in der 12. Schwangerschaftswoche festgelegt. Je nach dem zu welchen hormonellen Unter-, oder Überversorgungen es in dieser Zeit kommt, weichen die beiden Geschlechter eben voneinander ab und schon ist ein transsexueller Mensch geboren.
Das kommt übrigens mit großer Regelmäßigkeit vor.
Damit dürfen wir wohl die Transidentität als eine sogenannte Normvariante ansehen, das heißt als etwas das von der Natur durchaus genauso vorgesehen ist.

Das heißt aber noch lange nicht, dass dieser Mensch auch sofort versteht was da bei seiner Geburt passiert ist! Bei mir war es z.B. so, dass ich schon als Kind wusste dass ich „irgendwie anders“ bin. Aber ich habe nie den Finger darauf legen können, was denn dieses „andere“ ist. Ich habe viele Jahrzehnte nicht verstanden, warum sich so viele Dinge für mich einfach anders anfühlen. Warum sich manches sogar schlichtweg falsch und völlig daneben anfühlt. Ich habe mein ganzes Leben nach dieser Erklärung gesucht und immer versucht, die in mich gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Übrigens hatte ich diese Erwartungen auch an mich selber.
Um mal etwas bildlich zu werden: eine Kugel ist eben eine Kugel und kein Würfel. Und wenn die Kugel noch so sehr versucht, ein Würfel zu sein, so bleibt sie trotzdem immer eine Kugel. Auch wenn sie irgendwann wohl eine sehr verbeulte Kugel sein wird, weil sie immer versuchen wird, wie der erwartete Würfel auszusehen.

Aber selbst wenn der Mensch dann irgendwann einmal verstanden hat, WAS da mit ihm los ist, heißt das ja noch lange nicht das nun alles klar ist. Glauben Sie mir, ich habe selber jahrelang daran gezweifelt, ob das wohl alles so richtig sein kann. Immer wieder habe ich an mir herunter geschaut und mir gesagt: du spinnst ja. Selbst die Tatsache, dass die Erkenntnis, eine Frau zu sein, mein Leben lückenlos rückwärts erklärt hat, heißt noch lange nicht, dass ich das auch einfach so hinnehmen konnte. Trotz, dass sich plötzlich jede seltsame Begebenheit in meinem Leben, jeder unpassende Gedanke und das Gefühl des „anders-seins“ damit endlich völlig schlüssig erklärt hat und sich nun endlich –nach über 40 Jahren- alles richtig anfühlt, hat mein Verstand mir immer wieder das Gleiche gesagt: Du spinnst total. Ich habe immer und immer wieder an mir selber gezweifelt und versucht, „das alles“ irgendwie zu unterdrücken und bloß niemandem zu zeigen.

Irgendwann jedoch hatte ich dann aber nur noch die Wahl zwischen:
-) zu mir stehen und mich selber akzeptieren
-) oder von der Brücke zu springen.

An der Tatsache, dass ich hier stehe, sehen Sie, dass ich mich für die schwerere Variante entschieden habe!

Das heißt, ich habe mich dafür entschieden zu dem zu stehen was ich bin und was ich – vor allen Dingen- seit meiner Geburt immer schon war, nämlich eine Frau.
Eine Frau, die zwar das Pech hatte, in einem männlichen Körper geboren worden zu sein und mit dieser Tatsache nun den Rest Ihres Lebens klarkommen muss, aber vor allen Dingen eine Frau die endlich verstanden hat was in Ihrem Leben bisher schiefgelaufen ist. Und die seitdem das erste Mal in Ihrem Leben so etwas wie Glück und Zufriedenheit empfinden kann. Die endlich, -nach vielen Jahrzenten-, in den Spiegel schauen kann und endlich das sieht, was ihr die Natur schon bei der Geburt hätte geben müssen, nämlich das Äußere einer Frau. Das einzige Äußere, dass zu mir, als Mensch, passt und damit das einzige Äußere in dem ich überhaupt noch existieren kann, denn ich habe mich schon viel zu lange –auch vor mir selber- versteckt.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen ein ganz klein wenig vermitteln, was Transidentität bedeutet und mit welchen Schwierigkeiten und Hürden ein solcher Weg –auch heute noch- gepflastert ist und danke für Ihre Aufmerksamkeit.

LG, Hanna

>> Inhaltsverzeichnis